Volker Hage: Des Lebens fünfter Akt

Luchterhand, 20,00 €
Buchcover

Ein ganz wunderbarer Roman des Literaturkritikers Volker Hage über die 
letzten Lebensjahre Arthur Schnitzlers
 – eine melancholisch-schöne Hommage 
an den großen Dichter, die uns die Zeit
 zwischen den Weltkriegen sehr nahe
 bringt. „Mit jenem Julitag war mein 
Leben doch zu Ende. Die andern wissens 
nicht – und manchmal ich selber auch nicht“, notiert Schnitzler im Jahr 1928 nach dem tragischen (Frei-)Tod seiner damals 18-jährigen Tochter Lili in sein Tagebuch. Dabei hätte das Leben so schön sein können: Schnitzlers Ruhm erreichte immer neue Blüten, der gerade erschienene Roman Therese entwickelte sich überaus erfolgreich und er selbst stand mehr denn je im Zentrum des Wiener Kultur- und Literaturbetriebs. Und im Zentrum des Interesses der zeitgenössischen Damenwelt, seine Anziehungskraft auf das andere Geschlecht war ungebrochen. Mit großer Empathie zeichnet Volker Hage Schnitzlers „Forttreiben“ im aufreibenden Spannungsfeld der Beziehungen zu vier Frauen, die – neben der Tochter – sein Leben bestimmten: zu seiner Lebensgefährtin, der Schriftstellerin Clara Pollaczek; zu seiner geschiedenen Frau Olga, Lilis Mutter; zu seiner Herzensfreundin, der Journalistin Hedy Kempny; und zu seiner letzten großen Liebe, der Übersetzerin Suzanne Clauser.

Volker Hages Roman birgt ein Füllhorn an Figuren, an Details und Anekdoten über eine Epoche, die im Begriff ist, sich aufzulösen. Ein Personenregister am Ende sorgt dafür, dass man an keiner Stelle den Faden verliert. Dieses Buch ist nicht allein für literaturhistorisch Interessierte ein Traum!

William Heinesen: Hier wird getanzt!

Deutsch von Inga Meinke, Guggolz, 24,00 €
Buchcover

Etwa 50.000 Menschen leben auf den Färöern,
 auf 18 schroffen, baumlosen Inseln. In der 
kleinen Hafenstadt Tórshavn wurde Wil
liam Heinesen (1900-1991) als Sohn einer färöisch-dänischen Familie geboren. Aus der jahrhundertealten Tradition des mündlichen Erzählens ist ein Schatz von Balladen, Sagen und Märchen überliefert, die Heinesen in sein umfangreiches Werk einfließen ließ. Er schrieb alle seine Werke auf Dänisch, was ihm die Färöer übel genommen haben. Unter dem Spannungsverhältnis zwischen den Inseln und Dänemark hat er zeitlebens gelitten. Seine Erzählungen zeigen einen großen thematischen Reichtum und eine stilistische Breite. Das Buch beginnt mit zwei autobiografischen, humorvollen Geschichten über die fantasievolle, aber wirklichkeitsfremde Großmutter und den großzügigen Urgroßvater, der als Bäcker nach Tórshavn kam. Ganz anders erlebt der Leser die düstere Legende vom fremden Malteser, dem „Don Juan vom Tranhaus“. Sein Leben und Sterben wird raffiniert aus drei historischen Quellen zusammengesetzt. Ein literarisches Kleinod ist die Titelgeschichte „Hier wird getanzt“. Der Autor erzählt, wie er als Jugendlicher ein großes Hochzeitsfest auf einer abgelegenen Insel erlebt hat. Dieser Bericht spiegelt symbolisch die Höhen und Tiefen des Lebens, er handelt von Liebe und Eifersucht, Schiffbruch und Gefahr, Gewalt und Tod und vom atemlosen Tanzen und Singen. Erzählt wird in einem kühlen, manchmal ironischen Ton voller Spannung – und die Weite des Himmels und der See bilden den überaus lebendigen Hintergrund.

Ryan Gattis: Safe

Deutsch von Ingo Herzke und Michael Kellner, Rowohlt, 20,00 €
Buchcover

Ricky Mendoza, genannt Ghost, ist Ex-Junkie, ehemaliger Gangster und knackt mittlerweile Tresore für die DEA-Police in Los Angeles. Doch nun will Ghost Geld abzweigen, um sich angemessen zu verabschieden. Denn Ricky ist todkrank, wie es auch das Mädchen Rose war, in das er sich verliebt hatte und die bereits seit zehn Jahren tot ist. Das Punk-Mixtape von Rose ist noch da, genau wie die Sehnsucht nach ihr. Als Rudy Reyes, genannt Glasses und rechte Hand des Drogenkönigs von L.A., erfährt, dass einer ihrer Safes hochgenommen, eine Menge Geld jedoch nicht bei der DEA angekommen, sondern verschwunden ist, dauert es nicht lange, bis Ghost auf seinem Radar auftaucht. Es wurden jedoch zu viele Spuren hinterlassen für einen Profi und das macht Glasses misstrauisch. Eigentlich hat er genug vom Töten, doch in diesem Fall steht für ihn eine ganze Menge auf dem Spiel und er wird eine Ausnahme machen müssen…

Ryan Gattis spielt in dieser klassisch wirkenden Noir-Krimihandlung vor allem mit den Diskrepanzen der Moral. Beide Protagonisten bleiben äußerst ambivalent, wirken unberechenbar, jedoch nie überzogen. 
Das Spannungsfeld von Liebe, Sucht und Loyalität, in dem sie sich bewegen, zudem großartig dargestellt im Milieu, macht diesen Roman mehr als nur empfehlenswert.

Irene Moessinger: Berlin liegt am Meer

Galiani, 26,00 €
Buchcover

„Die besten Geschichten schreibt das 
Leben“ heißt es und dies hätte der
 Titel des autobiografischen Buches
 von Irene Moessinger sein können.
 Die Tempodrom-Gründerin, die 1980 
mit einer millionenschweren Erbschaft
 ein Zirkuszelt kauft und es direkt an 
die Berliner Mauer und mitten auf den 
Potsdamer Platz setzt, hat tatsächlich Geschichte geschrieben – und Wim Wenders hätte keinen besseren Ort für seinen Engel finden können.

Abenteurerin, Hausbesetzerin, Krankenschwester, Zirkusclown, Unternehmerin, Therapeutin und jetzt Schriftstellerin, erzählt
 Irene Moessinger vom Wagnis Leben, erzählt von der Suche nach Zugehörigkeit, erzählt glasklar und dennoch poetisch. Man liest wie 
im Rausch, ist begeistert, auch ob ihrer Ehrlichkeit und ihrer Kraft, zu vergeben und neu zu beginnen. Das Meer war und ist ihr immer Quelle der Inspiration und Heimat, die ständige Bewegung des Wassers ein Sinnbild für Fortdauer und Unendlichkeit. Auch über Berlin kreisen die Möwen und ein Zirkuszelt kann für einen langen Moment ein Zuhause sein. So lag der Titel des Buches nahe: Berlin liegt am Meer!

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Galiani, 25,00 €
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Karen Duves neuer Roman führt uns in die Zeit des Biedermeier und des Vormärz. Im Mittelpunkt steht die junge Annette von Droste-Hülshoff, früher von ihren Verwandten zum Dichten ermutigt, nun, mit 23 Jahren, zu vorlaut, zu störrisch, zu unangepasst im frauenfeindlichen Biedermeier – kurz: Annette ist eine Nervensäge. Zarte Bande knüpfen sich zwischen ihr und dem mittellosen, bürgerlichen Studenten Heinrich Straube, einem Protegé ihres Onkels August von Haxthausen: Das will verhindert werden, die Familie spinnt eine Intrige und so nimmt die Katastrophe für Fräulein Nette ihren Lauf.

Detailfreudig und herrlich spitzzüngig zeichnet Karen Duve ein Gesellschaftsporträt des beginnenden 19. Jahrhunderts: Wir wohnen Trinkgelagen und Poetiktreffen von Göttinger Studenten bei, werden auf Kutschfahrten zur Verwandtschaft nach Schloss Bökendorf durch- geschüttelt, übernachten in zugigen Schlössern, besichtigen mit den Brüdern Grimm die Wilhelmshöhe und fahren mit Annette zur Kur nach Bad Driburg. Und so ganz nebenbei hält die Autorin mit ihrem Sittengemälde unserer Zeit den Spiegel vor. Ein amüsanter und hervorragend recherchierter historischer Roman.

Franziska Hauser: Die Gewitterschwimmerin

Eichborn, 22,00 €
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Eine herausragende, autobiografische Familiengeschichte, die sich über 
vier Generationen erstreckt. Auf zwei
 wechselnden und sich aufeinander
 zu bewegenden Zeitebenen entfaltet
 sich das Portrait der Familie Franziska
 Hausers. Der Handlungsbogen ist weit
 gespannt – vom Dritten Reich über die
 Zeit der DDR bis hin in die Gegenwart. Somit ist der Roman auch ein Stück Zeitgeschichte. Er beginnt im Jahr 2011 und bewegt sich von dort aus in die Vergangenheit. Der zweite Handlungsstrang setzt im Jahr 1889 ein und verläuft chronologisch in Richtung Gegenwart. Auf diese Weise nähert sich die Geschichte immer mehr den Grausamkeiten, die in dieser Familie stattgefunden haben, Ebene für Ebene werden erschreckende Geheimnisse und Verletzungen freigelegt. Die Psyche der seelisch Verwundeten wird von der Autorin präzise empfunden und in wenigen, treffenden Worten beschrieben, so dass die inneren Welten der Akteure für den Leser klar zu erkennen sind. Sie verzichtet dabei auf jede direkte Interpretation und Wertung, das gibt dem Beschriebenen eine ganz besondere Wucht.

Franziska Hausers Gewitterschwimmerin war für den Deutschen Buchpreis 2018 nominiert. Für uns ein absolutes Highlight dieses Jahres.

James Baldwin: Beale Street Blues

Deutsch von Miriam Mandelkow, dtv, 20,00 €
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James Baldwins Beale Street Blues beginnt mit einer Szene im Gefängnis.
 Tish, ein 19-jähriges Mädchen, besucht
 ihren Liebsten, Fonny, der zu Unrecht dort
 einsitzt. Sie erzählt ihm, dass sie ein Kind 
bekommen werden. Sie sieht ihm in die Augen und lächelt, während der Telefonhörer in ihrer Hand ganz feucht wird. Fonny ist für einen Moment ganz weit weg, ganz für sich. Und Tish beobachtet, wie er begreift, dass er Vater werden wird. Dann wirft er den Kopf zurück und lacht – lacht, bis ihm die Tränen übers Gesicht laufen.

Fonny und Tish sind seit ihrer Kindheit unzertrennlich. Als Fonny ein paar Wochen vor seiner Haft um Tishs Hand angehalten hat, gehörte 
er längst zur Familie. Die beiden waren auf der Suche nach einer gemeinsamen Wohnung, ihr Leben sollte gerade erst beginnen. Dann passiert das Schlimmste, was einem jungen Schwarzen in Amerika passieren kann: Fonny zieht die Wut eines weißen Polizisten auf sich. „Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in der Beale Street geboren“, schreibt James Baldwin 1974 im Vorwort zu seinem Roman, der hier 
in neuer Übersetzung vorliegt. Bis heute hat sich daran kaum etwas geändert. Wenn man Beale Street Blues liest, wird man von einer heftigen Wut auf die Ungerechtigkeit der „weißen“ Justiz ergriffen. Gleichzeitig schreibt Baldwin so einfühlsam über die Liebe, dass einen immer wieder pure Glücksgefühle überkommen. Tish ist nicht allein. Ihre Familie und Fonnys Vater kämpfen unermüdlich, um Fonny aus dem Gefängnis zu befreien. Und jetzt ist ein Kind auf dem Weg und gibt ihnen neue Hoffnung…

Michael Ondaatje: Kriegslicht

Deutsch von Anna Leube, Hanser, 24,00 €
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„Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort
 und ließen uns in der Obhut zweier Männer
 zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.“ So lautet der erste Satz des Romans. Es sind der 14-jährige Nathaniel und seine 16-jährige Schwester Rachel, die im London der Nachkriegszeit allein gelassen werden und deren Betreuer nun mit ihnen in der Wohnung leben. Der Ich-Erzähler, der mittlerweile erwachsene Nathaniel, erinnert sich. Es ist für ihn eine Zeit der außergewöhnlichsten Abenteuer. Er wird zu illegalen Hunderennen mitgenommen, zu nächtlichen Fahrten auf der Themse mit geheimnisvoller Ladung, er erlebt seine erste Liebe zu Agnes. Bedrohliche Zwischenfälle erreichen die Kinder, plötzlich ist die Mutter wieder da, die Betreuer sind verschwunden. Rachel wendet sich von der Mutter ab, Nathaniel versucht sie zu verstehen – dann kommt es zum gewaltsamen Tod der Mutter. Nathaniel fügt Beobachtungen und Ereignisse zusammen, recherchiert Fakten und Fragmente über ihre Tätigkeit als Spionin während und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ondaatje ist ein Meister der Konstruktion, Verborgenes wird plötzlich hinter Sichtbarem deutlich, Erfundenes bleibt im Dämmerlicht, Details ergänzen sich langsam zu einem dichten Ganzen. Der genial komponierte Roman ist alles zugleich: Spionagethriller, traumatische Coming of Age-Geschichte und psychologisches Portrait einer nach Unabhängigkeit strebenden Frau – geschrieben in einer sehr poetischen, lebendigen Sprache.

Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe

Deutsch von Elina Kritzokat, Hanser, 21,00 €
Buchcover

Aus drei Erzählperspektiven setzt sich dieser wunderschöne und ergreifende Debütroman der finnischen Autorin Minna Rytisalo um die junge Kaufmannstochter Lempi zusammen: Der junge Bauer Viljami kehrt während des Zweiten Weltkriegs von der Front in sein zerstörtes Heimatdorf zurück, traut sich jedoch nicht, seinen Hof zu betreten; er weiß, dass seine geliebte Frau Lempi verschwunden, vielleicht sogar tot ist. So verharrt er in der Wildnis und erinnert sich an den einen gemeinsamen, glücklichen Sommer. Auf dem Hof wartet die Magd Elli, die zu Lempis Unterstützung geholt wurde. Heimlich in Viljami verliebt und dessen junge Ehefrau verachtend, kümmert sich Elli aufopfernd um den Sohn des Paares. Und zuletzt Lempis Zwillingsschwester Sisko, die stets im Schatten der Schwester steht, sich mit einem deutschen Soldaten einlässt und der Heimat den Rücken kehrt. Aus diesen drei Schilderungen, die von Verklärung bis Verteufelung reichen, ergibt sich allmählich ein Bild von Lempi, deren Name gleichzeitig das altfinnische Wort für Liebe ist – und so ist der Roman dann auch ein Buch über die Liebe, über das Suchen nach ihr und das Finden, die Hoffnung auf sie, aber auch über ihre Abgründe…