Peter Schössow: Baby Dronte – Jubiläumsausgabe

Hanser, 50,00 €
Buchcover

Käpt‘n Lüttich und seine Crew sind am Ende, ihr Kahn ist Schrott und sie wissen bei aller Liebe nicht, mit welchem Geld sie ihn wieder flottmachen sollen. Der Zufall spült ihnen am Elbstrand ein Ei vor die Füße und der Käpt‘n nimmt es mit nach Haus. In der Nacht darauf schlüpft Baby Dronte. So ein Baby haben die Männer noch nie zu Gesicht bekommen und während sie noch rätseln, was sie mit dem Familienzuwachs anfangen sollen, stellt sich heraus, dass ihr Baby nicht nur selten sondern auch äußerst wertvoll ist! 50.000 Mark Belohnung gibt es für das Ei, das Wissenschaftlern auf dem Weg von Madagaskar nach Deutschland über Bord gegangen ist. Und das ist genau die Summe, die sie brauchen, um ihr Schiff reparieren zu lassen…

Ob der Käpt‘n und seine Mannschaft ihr Baby verkaufen und wie es weitergeht, fesselt und begeistert seit 30 Jahren kleine und große Menschen, nicht nur bei uns in Eimsbüttel, wo Peter Schössow, der Autor und Illustrator, lebt. Es ist unser meistgeliebtes Bilderbuch!

Nun ist im Hanser Verlag eine Jubiläumsausgabe erschienen, der ein signierter und wunderschöner Druck beiliegt: Baby Dronte, selig in den Armen von Mama Dronte, nachtblauer Himmel über Madagaskar. Die Ausgabe ist auf 300 Exemplare limitiert und somit so selten und wertvoll wie Baby Dronte selbst – und nicht nur das: Wer mag, kann sich sein Exemplar von Peter Schössow signieren lassen!

J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin

Deutsch von Deutsch von Andrea O‘Brien & Jan Schönherr, Zsolnay, 24,00 €
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J. Courtney Sullivan erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Beziehung zwischen zwei Frauen: Elisabeth ist eine wohlhabende Autorin, die gerade mit ihrem Mann und dem neugeborenen Sohn aufs Land gezogen ist. Um wieder Zeit zum Schreiben zu haben, engagiert sie die College-Studentin Sam als Babysitterin. Die idealistische Kunst-Studentin führt eine Fernbeziehung nach London, sehnt sich danach im Erwachsenenleben anzukommen und ist fasziniert von Elisabeths scheinbar geregeltem Vorstadtleben. Die wiederum trauert ihren jungen Jahren in New York nach und fixiert sich immer mehr auf Sam – die Beziehung der beiden wird enger, das Arbeitsverhältnis schwieriger und der Klassenunterschied immer klarer…

Ein Roman über zwei Frauen, die alles richtig machen wollen und dabei herausfinden müssen, was das eigentlich ist: Kann man sich von den eigenen Vorstellungen vom Leben, den Erwartungen der anderen und vor allem von den Verhältnissen, in denen man aufgewachsen ist, befreien?

Authentisch, spannend und gesellschaftskritisch – gehobene Unterhaltung vom Feinsten!

Colson Whitehead: Harlem Shuffle

Deutsch von Deutsch von Nikolaus Stingl, Hanser, 25,00 €
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Harlem ist Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre die schwarze Hauptstadt der USA. Es ist dreckig und hässlich, die Polizei korrupt und die Politiker käuflich. Ray Carney hat ein elegantes Möbelgeschäft in der 125. Straße übernommen und versucht, es auf legale Weise am Laufen zu halten. Doch die Hinterzimmergeschäfte nehmen zu, vor allem als mit der frohen Kunde des nahenden zweiten Kindes die Ansprüche seiner aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden Ehefrau eine größere Wohnung erforderlich machen. Als dann auch noch Rays Cousin Freddy auftaucht und ihn in einen Raubüberfall auf das berühmte Harlemer Hotel „Theresa“ hineinzieht, gerät Ray zunehmend in die Abhängigkeit von Gangstern, Mafiosi und einer reichen weißen Familie aus der Upper East Side.

Der vermeintliche Krimiplot entpuppt sich als tiefgründiger und vielschichtiger Roman in meisterhafter Sprache, auch wenn die Übersetzung des zeitgenössischen Slangs manchmal etwas holprig wirkt. Colson Whitehead erzählt in den New Yorker Nächten von Vorurteilen, Macht, Machtmissbrauch und Machthierachien und von dem amerikanischen Traum, der sich jedoch nie erfüllt.

Michael Smith: Der stille Held Tom Crean. Überlebender der Antarktis

Deutsch von Deutsch von Rudolf Mast, Mare, 26,00 €
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Viele Bücher wurden über die Antarktis-Expeditionen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts geschrieben, weltbekannt sind die Namen von Scott, Shackleton und Amundsen. Michael Smith widmet sich einem unbekannten, „stillen Helden“: Tom Crean, ein irischer Bauernsohn, heuerte eher zufällig auf der ersten von Scott geleiteten Discovery-Expedition in die Arktis an. Als einfacher Matrose bewährte er sich als ausdauerndes und zuverlässiges Mitglied der Gruppe, die auf dem lebensfeindlichen Kontinent zwei Jahre überwinterte, sodass er bei Scotts nächster Expedition, bekannt auch als „Wettlauf zum Südpol“, als einer der Ersten verpflichtet wurde. Der Ausgang der Expedition war ein Desaster, dennoch konnte Crean einigen Gruppenkameraden das Leben retten. Als 1914 Shackletons Endurance-Expedition in See stach, war der Ire ebenfalls dabei und trug maßgeblich zum glücklichen Ende der ansonsten gescheiterten Expedition bei.

Die Beschreibung dieser frühen Antarktisreisen liest sich so spannend wie ein Krimi. Atemlos überfliegt man die Seiten, bangt um die Teilnehmer angesichts der Gefahren, denen sie ausgesetzt waren, staunt über die unglaublichen Anstrengungen, die sie ertrugen, und über die Leistungen, die sie hervorbrachten – atmet erleichtert auf, wenn am Ende alle gerettet sind und Tom Crean seine Kneipe, den „South Pole Inn“, in seinem Heimatdorf eröffnet.

Maaza Mengiste: Der Schattenkönig

Deutsch von Deutsch von Brigitte Jakobeit & Patricia Klobusiczky, dtv, 25,00 €
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Maaza Mengistes Roman „Der Schattenkönig“ (Shortlist Booker Prize 2020) befasst sich mit einem literarisch bisher wenig bearbeiteten Kapitel der Geschichte. 1935 fällt Mussolini in Äthiopien ein und trifft dort auf unerwarteten Widerstand. Die Frauen des Landes erheben sich gemeinsam mit ihren Brüdern und Vätern und treten der italienischen Streitmacht entgegen. Im Zentrum der Handlung steht die Waise Hirut, die als Angestellte für einen Offizier des Kaisers Selassie arbeitet. Als die Lage ausweglos erscheint, schließt sie sich mit ihren Mitstreiterinnen dem Widerstand an, um ihr Land zu retten. Gemeinsam mit einem mittellosen Musikanten – dem Schattenkönig – stellt sie sich ihrem Schicksal.

Mengistes Roman eröffnet den Blick auf einen Schauplatz im Vorzeichen des Zweiten Weltkrieges, der bisher weitestgehend im Dunkeln lag, und damit auch auf die kolonialen Eroberungsfeldzüge der europäischen Großmächte. Diese gewaltsamen Zeiten verarbeitet die Autorin in ihrem Debüt, das die New York Times als „modernes Kriegslied“ betitelt. Frank Mayer schreibt dazu bei deutschlandfunk kultur: „Mengistes Ziel dabei ist, zu erforschen, wie sehr Sprache und Fantasie damit umgehen können, das Grauen zu verarbeiten.“ Maaza Mengiste selbst wuchs in Äthiopien auf, flüchtete im Alter von vier Jahren mit ihren Eltern vor der Äthiopischen Revolution und verbrachte den Rest ihrer Kindheit in Nigeria, Kenia und den USA.

Jenny Erpenbeck: Kairos

Penguin, 22,00 €
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Vom ersten Augenblick an, als sich ihre Blicke im Bus trafen, entsteht eine außergewöhnliche Liebe zwischen der 19-jährigen Katharina und dem 55-jährigen Hans, im Ostberlin der Jahre 1986-1992 (der Titel Kairos weist auf den ägyptischen Gott des glücklichen Augenblicks hin).

Der verheiratete Hans ist ein erfolgreicher Schriftsteller in der DDR. Er begeistert Katharina für klassische Musik, erklärt ihr literarische Texte und Brechts Theater. Unbefangen und lebenshungrig gibt Katharina ihre eigenen Interessen und Vorlieben für Hans auf, trotz der Warnungen der Familie und der Freunde. Die ersten kleinen Risse zeigen sich in dieser vermeintlich vollkommenen Liebe, als Hans beginnt, ihre Tagebücher und Briefe zu kontrollieren. Vor dem Hintergrund der untergehenden DDR und den großen politischen Veränderungen geht auch ihre Liebe verloren.

Prolog und Epilog sind im Gesamtbild dieses Romans wichtige Bausteine. Im Prolog wird erzählt, dass Katharina nach dem Tod von Hans verstaubte Kartons erhält, in denen sich sein Privatarchiv befindet. Im Epilog liest Katharina in sechs Aktenordnern über den ehemaligen Stasispitzel Hans mit dem Decknamen „Galilei“.

Subtil und mit psychologischem Einfühlungsvermögen erzählt Jenny Erpenbeck diese Geschichte, die kaum eine/n Leser*in unberührt lässt.

Colm Tóibín: Der Zauberer

Deutsch von Deutsch von Giovanni Bandini, Hanser, 28,00 €
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Einem neuen Buch über Thomas Mann begegnet man zunächst mit neugieriger Skepsis. Der bekannte irische Schriftsteller Colm Tóibín lässt seinen biografischen Roman 1891 in Lübeck im Haus des wohlhabenden Kaufmanns und Senators, des Vaters von Thomas, beginnen und schließt mit dem Besuch des 80-jährigen Thomas 1955 in der Lübecker Marienkirche.

Nach und nach werden wir hineingezogen in die Beschreibung dieses Künstlerlebens: Wir verfolgen den frühen schriftstellerischen Erfolg, die Heirat mit Katia Pringsheim, der Tochter einer jüdischen Münchner Gelehrten- und Bankiersfamilie und dem wichtigsten Menschen in seinem Leben, erleben die dramatischen Schicksale der Kinder, besonders der beiden ältesten, Erika und Klaus, die Auseinandersetzungen zwischen den Brüdern Heinrich und Thomas.

Erst spät erkannte Thomas Mann den Terror der Nazis, ging 1933 ins Schweizer Exil und 1939 dann in die USA, um dort sein Leben als Schriftsteller weiterzuführen. Es sind vor allem die biografischen Bezüge in den Werken Thomas Manns, die Tóibín in „seine“ Biografie einbezieht. Die von Thomas Mann sorgsam verborgene Homosexualität beschreibt er mit Empathie. Es gelingt dem irischen Autor sehr gut, das Familienleben, die Reisen, die Begegnungen mit vielen Besucher*innen in lebhaften Dialogen szenisch auszugestalten. Eine sehr unterhaltsame Lektüre.

Alina Bronsky: Barbara stirbt nicht

Kiepenheuer & Witsch, 20,00 €
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„Mein Gott, Walter …
Herr Schmidt hat gern alles unter Kontrolle, einschließlich sich selbst. Routine und Struktur im (ruheständlerischen) Tagesablauf sind ihm wichtig, Veränderungen oder gar Überraschungen sind genauso wenig Walters Ding wie Kochen, Putzen, Einkaufen oder das Wechseln netter Worte mit den Nachbarn.

Zu seiner großen (bösen) Überraschung gibt es eines Morgens keinen frisch gekochten Kaffee. Barbara, seit fast fünfzig Ehejahren an seiner Seite, ist gestürzt und liegt fortan nur noch im Bett. Sie war der Motor, der immer alles am Laufen hielt, jetzt muss Walter lernen, für sie und vor allem für sich selbst zu sorgen – sein Leben gerät aus den Fugen.

Alina Bronskys neuer Roman ist das gelungene Porträt einer jahrzehntelangen Ehe, die alles andere als gleichberechtigt ist. Walter Schmidt ist kein Sympathieträger, er verhält sich allem und jedem gegenüber unmöglich, die dysfunktionale Beziehung zu seinen Kindern ist allein ihm geschuldet. Und doch schafft es diese wunderbare Autorin, etwas Urkomisches in die Geschichte zu legen, etwas tief Berührendes. Als Walter langsam merkt, dass Barbara wohl nicht mehr aufsteht, und er gelernt hat, zu kochen und zu kommunizieren, und am Ende etwas Unglaubliches für seine Frau tut, da möchte man ihn doch auch mal in den Arm nehmen. Seine Familie kann man sich eben nicht aussuchen.

Emma Stonex: Die Leuchtturmwärter

Deutsch von Deutsch von Eva Kemper, S. Fischer, 22,00 €
Buchcover

Leuchtturmwärter … trotzen der Natur, der Einsamkeit und den Entbehrungen, welche die Enge eines Leuchtturms mit sich bringt. Die Tage werden lang, wenn alles immer nach demselben Plan abläuft. Im Dezember ist es häufig dunkel. Die langersehnte Ablösung hat sich trotz Wintersturmes auf den Weg zum Leuchtturm gemacht. Doch niemand erwartet sie. Mühsam wird die von innen verschlossene Tür geöffnet – dabei wird unheimlicherweise festgestellt: Der Tisch ist gedeckt als ob es gleich Essen gibt, die Uhren sind alle zur selben Zeit stehengeblieben und keine Spur von den Leuchtturmwärtern. Das Rätsel lässt sich nicht lösen…

Ein Journalist versucht viele Jahre nach dem Vorfall der Lösung auf die Spur zu kommen. Er möchte unbedingt die Hinterbliebenen interviewen. Das erweist sich als schwieriges Unterfangen. Die Frauen sind durch den Verlust hart getroffen und ohne Antworten zurückgeblieben. Jede Einzelne kämpft und traut sich kaum zu reden. Sie sind einander nicht nahe, sondern durch Einsamkeit isoliert.

Das tatsächliche Verschwinden dreier Leuchtturmwärter auf Flannan Isles um 1900 hat Emma Stonex als Ausgangspunkt ihres Romans gewählt. Es gelingt ihr, die Spielarten der Enttäuschungen, des Mutes und vor allem der Liebe glaubhaft zu schildern. Ein wunderbarer Schmöker nicht nur für Leser*innen mit maritimem Interesse.