Ein Garten über der Elbe

Die Geschichte einer Leidenschaft, die sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts allen Widrigkeiten zum Trotz Bahn bricht. Kenntnisreich steckt Marion Lagoda die Lesenden an und nimmt sie mit auf eine spannende Erkundungsreise.

Hedda ist die Tochter eines zu seiner Zeit sehr bekannten Gärtners. Sie selbst darf dem Willen ihres Vaters nach das Gärtnerhandwerk nicht erlernen. Sein Tod 1903 verschafft ihr schließlich die Freiheit, die Ausbildung zu machen, obwohl das für sie als Frau zu dieser Zeit eher ungewöhnlich ist. Hedda ist mit Leib und Seele Gärtnerin, sie setzt neue Ideen um, pflanzt Stauden, legt Sichtachsen nach italienischen Vorbildern an und vieles mehr. Sie behauptet sich und bekommt Unterstützung durch ihre Arbeitgeber, die jüdische Bankiersfamilie Clarenburg. Ihre persönliche Entwicklung hängt sehr am Garten und beinahe verliert sie sich darin. Auch die politischen Veränderungen der Zeit werden im Garten spürbar.

Angelehnt an die Biografie Else Hoffas, der ersten deutschen Obergärtnerin, hat Marion Lagoda einen wundervollen Roman über Gartenkultur, Emanzipation, Familie und Zeitgeschichte geschrieben. Der römische Garten in Hamburg-Blankenese, der dem Roman seinen Titel gibt, kann noch heute bewundert werden. Er gehört zu den Kulturdenkmälern der Stadt.

Demut

Berlin 1918 – eine Stadt im Umbruch, es herrscht Chaos auf den Straßen. Alois Pokora, eben noch Offizier in den Schützengräben Frankreichs, erwacht nach einer schweren Kopfverletzung mittellos im Berliner Lazarett. In Gedanken ständig bei seiner vermeintlich großen Liebe Agnes, schließt sich Alois im Berliner Untergrund einer spartakistischen Kampftruppe an, begegnet Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und entgeht schließlich nur knapp seiner Exekution. Zurück in seiner Heimat Schlesien, findet er sich dort in seiner Bergbaufamilie und mit seinen ehemaligen Kommilitonen zwischen alle Fronten wieder.

Twardochs Figuren können sich nicht wehren gegen das Etwas, das auf sie wirkt, sie aufwühlt, erfüllt und zermalmt. Demut ist hier nicht nur demütig gemeint, Alois‘ Leben ist vielmehr durch tiefe Demütigung geprägt. Sein Wunsch nach Anerkennung macht ihn stoisch und zart, bis ihn seine größte Schwäche schließlich einholt.

Keine Frage, Twardoch ist ein großer Schriftsteller, den man noch lange lesen wird – was für ein Vergnügen!

Singe ich, tanzen die Berge

Hauptschauplatz dieses Romans sind die Pyrenäen in all ihrer naturgegebenen Kraft. Irene Solàs Miniaturen, die sich jede für sich wie ein kleines Märchen lesen lassen, kreisen um ein kleines Dorf in den Bergen.

Sie beginnt ihre Geschichte mit einem Donnerschlag. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Gleich auf den ersten Seiten lässt sie die Natur zu uns sprechen und die Gewitterwolken erzählen. Sie beschreibt aus deren Perspektive, wie sie sich zu einem Blitz aufbäumen, um dann auf der Erde einzuschlagen. Dieses Gewitter trifft den Dorfbewohner Domènec. Ausgehend von diesem tragischen Unfall, nimmt uns die Autorin in den folgenden 17 Kapiteln mit zu den Hinterbliebenen: der Frau, den Kindern, weiteren Dorfbewohnern, den Lebenden und den Toten. Mit dem Blitzeinschlag entlädt sich eine Geschichte, die bis zur Hexenverfolgung im 16. und 17. Jahrhundert zurückreicht und den Bogen über den Bürgerkrieg bis zur Gegenwart spannt. Abwechselnd lässt Solà mal Mensch, mal Tier, mal die Natur aber auch Legenden und Hexen zu Wort kommen. Es ist, als würde die Autorin mit jeder Seite komplexe Erdschichten eines Ereignisses freilegen. Man spürt das Wasser in die Erde sickern – es zischt, knackt, wirbelt in diesem Roman. Solà verwebt all diese Elemente zu einer vielschichtigen Geschichte, die sich beim Lesen erst nach und nach erschließt und einen Großteil des Lesereizes ausmacht. Einfach märchenhaft, zauberhaft und mythisch.

Aufsässige Leben, schöne Experimente. Von rebellischen schwarzen Mädchen, schwierigen Frauen und radikalen Queers

In dichter Sprache und erschütternden Bildern zeichnet Saidiya Hartman das Panorama einer gewaltvollen Welt, die sich für die aus den südlichen Bundesstaaten in die Großstädte des Nordens strömenden schwarzen Frauen in den Gassen und Straßenzügen von New York und Philadelphia um die Jahrhundertwende auftut. Ein Leben geprägt von Armut, Rassismus und sozialen Nachteilen, das begleitet wird von der jugendlichen Sehnsucht nach einem freien Leben, freier Sexualität und Widerständen gegen die gesellschaftlichen Normen. Von nichtehelichen Partnerschaften, queeren Identitäten und alleinerziehenden Frauen erzählt Hartman, die an der Columbia Universität afroamerikanische Literatur- und Kulturgeschichte lehrt.

Die Biografien, die aufgefächert werden, erzählen von den möglichen Begebenheiten, die das Leben porträtierten Frauen geprägt haben könnten. Am Ende steht jedes erzählte Leben für hunderte andere, die denselben Widrigkeiten begegneten. Ein beeindruckendes erzählendes Sachbuch, das sich mit sprachlicher Finesse entfaltet.

Die Stadt

„Die Stadt“ gilt als einer der größten Romane der ukrainischen Literatur der Zwanzigerjahre. Einerseits ist er ein Stadtroman und andererseits ein Künstlerroman. Es wird erzählt, wie der Protagonist Stepan Radtschenko, aus einem ukrainischen Dorf stammend, zum Studium nach Kyjiw (Kiew) kommt und vom politischen Aktivisten zu einem bedeutenden Schriftsteller wird. Sein Weg führt ihn durch verschiedene Institutionen in die Redaktion einer renommierten Literaturzeitschrift. Das studentische, literarische und kulturelle Leben der Stadt bildet den farbigen Hintergrund des Romans. Lebhafte Diskussionen über Literatur, Film, Theater begeistern Stepan, der sehr impulsiv denkt und handelt. Seine Gemütslage wechselt zwischen Verzweiflung, Euphorie und Selbstüberschätzung. Überzeugend werden seine Entwicklung und sein Charakter in seinen leidenschaftlichen und rücksichtslosen Liebesbeziehungen beschrieben. Der manchmal pathetische Ton wird durch feine Ironie gebrochen. Auf seinen ruhelosen Wanderungen durch die Straßen und die verschiedenen Viertel lernt Stepan die Topographie der Stadt kennen.

Der Roman erschien 1928. Pidmohylnyj (1901 geboren) geriet zunehmend in die Kritik, er wurde 1934 verhaftet, in ein sowjetisches Lager deportiert und 1937 mit vielen anderen Vertretern der ukrainischen Literatur und Kunst hingerichtet. Es ist an der Zeit, ihn wiederzuentdecken.

Liebesheirat

Monica Ali erzählt die Geschichte zweier Familien, die durch die bevorstehende Hochzeit von Yasmin und Joe zusammengebracht werden. Da sind die Ghoramis, die vor knapp dreißig Jahren aus Kalkutta nach London emigriert sind, wo sie nun angepasst mit der angehenden Ärztin Yasmin und ihrem Bruder Alif leben. Auf der anderen Seite lernen wir Joes alleinerziehende und feministische Mutter Harriet kennen, die als unkonventionelle Autorin gerne provoziert. Das erste Aufeinandertreffen ist sehr spannungsgeladen, aber es birgt wider Erwarten keinerlei Desaster, sondern ist von einer freundschaftlichen Annäherung beider Mütter geprägt.

Die Autorin verzichtet auf Klischees und typische Culture Clash-Momente – die kulturellen Unterschiede werden lediglich offengelegt, doch nicht für das Geflecht an familiären Geheimnissen und Schwierigkeiten verantwortlich gemacht. Wir Lesenden sind sehr nah an den einzelnen Figuren und verfolgen deren Entwicklung in kurzen Kapiteln. Es geht um die Ehe, das soziale System, Emanzipation, Rassismus, Untreue, Sucht und das Leben im heutigen Großbritannien.

Vielleicht hat die Autorin etwas zu viele Themen in ihren lang ersehnten zweiten Roman gepackt, aber ihre Figuren sind so menschlich, ihr Ton so warm und die Dialoge so klug, dass wir diesen filmreifen Gesellschaftsroman nur empfehlen können!

Bullet Train

Bitte einsteigen! Der japanische Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen ist auf dem Weg zu seinem Zielbahnhof, den jedoch nicht alle Mitreisende lebend erreichen werden. Im Zug sitzen fünf Mörder, welche nicht unterschiedlicher sein könnten: ein nach Rache dürstender Vater, ein in der Branche berüchtigtes, schräges Auftragskiller-Duo, ein sadistischer Oberschüler und ein Kerl, dessen Spitzname zwar der „Marienkäfer“ lautet, der in Wahrheit jedoch der größte Pechvogel aller Zeiten ist. Sie alle steigen aus unterschiedlichen Motiven in den Shinkansen ein und kommen sich dort gegenseitig in die Quere. Heilloses Chaos ist vorprogrammiert.

Das Auftragskiller-Duo Lemon und Tangerine soll den Sohn von Minegishi, dem Oberhaupt der Unterwelt, mitsamt Lösegeld sicher eskortieren. Doch in einer unachtsamen Minute wird der Junge auf der Zugfahrt umgebracht und der Koffer geklaut. Mit dem Rücken zur Wand machen sie sich auf die Suche nach dem Koffer, bereit alles zu tun, um ihrer misslichen Lage zu entkommen.

Isakas „Bullet Train“ ist ein skurriler, irrwitziger Thriller, welcher die Leserschaft auf eine spannende, actionreiche Zugfahrt mitnimmt. Verfilmt wurde das Buch mit Brad Pitt und Sandra Bullock und läuft auch hier in Deutschland in den Kinos.

Draußen feiern die Leute

Dieser Debütroman ist voller Situationskomik und wimmelt nur so von absurden Dialogen und schrägen Charakteren: Timo, ein Junge mit der Physiognomie einer Pflanze, ein anderer, Richard, dessen Anwesenheit seinen Mitmenschen jegliche Energie raubt, Valerie, die wochenlang schläft, und Großmutter Else, abergläubisch und anderthalb Jahrhunderte alt, deren Atem ganze Häuser erkalten lässt. Sie alle wohnen in einem kleinen Dorf in Niedersachsen, in dem Langeweile und Stillstand vorherrschen. Ist ein anderes Leben jenseits der Monotonie des Dorfes und der Enge des Elternhauses möglich? Oder ist der einzige Höhepunkt im Leben der Alkoholexzess während eines dreitägigen Dorffestes?

Dann verschwinden im Ort sowie im Rest des Landes plötzlich immer mehr junge Leute. Wo sind sie hin? Und was hat der berüchtigte Hannoveraner Drogendealer Rasputin damit zu tun? Timo, Richard und Valerie machen sich auf die Suche nach Antworten.

Sven Pfizenmaier hat einen urkomischen Roman geschaffen, in dem unterschwellig auch melancholische Töne anklingen; ein Buch über Außenseiterinnen und Außenseiter, über eine junge Generation auf der Suche nach einer Zukunft fernab der Erwartungen der Eltern und der Gesellschaft.

Herumtreiberinnen

Es ist 1983 und Manja lebt in Leipzig. Sie ist siebzehn, streift gern mit ihrer Freundin durch die Stadt und trifft sich mit Jungs auf dem Rummel. Eines Tages wird sie von der Volkspolizei im Zimmer eines Vertragsarbeiters aus Mosambik erwischt und auf eine geschlossene Venerologische Station in der Lerchenstraße gebracht. Hier sollen angeblich Geschlechtskrankheiten geheilt werden, doch tatsächlich dient die Einrichtungen der eisernen Maßregelung junger Frauen in der DDR.

Im selben Gebäude wurden schon in den 1940er Jahren „schwierige Fälle“ eingesperrt und so lernen wir auf einer zweiten Erzählebene die junge Lilo kennen. Ihr Vater ist im kommunistischen Widerstand aktiv, wobei Lilo ihn unterstützt, bis die politischen Aktionen nicht mehr geheim gehalten werden können.

Und dann ist da noch Robin, eine Frau in Freiheit, die in der Gegenwart als Sozialarbeiterin in dem Gebäude in der Lerchenstraße arbeitet, das inzwischen als Unterkunft für Geflüchtete genutzt wird.

Ein fesselnder, aufschlussreicher und geschickt erzählter Roman über drei Leben in drei verschiedenen Staatsformen und ein Gebäude, das sie miteinander verbindet.

Die Leuchtturmwärter

Leuchtturmwärter … trotzen der Natur, der Einsamkeit und den Entbehrungen, welche die Enge eines Leuchtturms mit sich bringt. Die Tage werden lang, wenn alles immer nach demselben Plan abläuft. Im Dezember ist es häufig dunkel. Die langersehnte Ablösung hat sich trotz Wintersturmes auf den Weg zum Leuchtturm gemacht. Doch niemand erwartet sie. Mühsam wird die von innen verschlossene Tür geöffnet – dabei wird unheimlicherweise festgestellt: Der Tisch ist gedeckt als ob es gleich Essen gibt, die Uhren sind alle zur selben Zeit stehengeblieben und keine Spur von den Leuchtturmwärtern. Das Rätsel lässt sich nicht lösen…

Ein Journalist versucht viele Jahre nach dem Vorfall der Lösung auf die Spur zu kommen. Er möchte unbedingt die Hinterbliebenen interviewen. Das erweist sich als schwieriges Unterfangen. Die Frauen sind durch den Verlust hart getroffen und ohne Antworten zurückgeblieben. Jede Einzelne kämpft und traut sich kaum zu reden. Sie sind einander nicht nahe, sondern durch Einsamkeit isoliert.

Das tatsächliche Verschwinden dreier Leuchtturmwärter auf Flannan Isles um 1900 hat Emma Stonex als Ausgangspunkt ihres Romans gewählt. Es gelingt ihr, die Spielarten der Enttäuschungen, des Mutes und vor allem der Liebe glaubhaft zu schildern. Ein wunderbarer Schmöker nicht nur für Leser*innen mit maritimem Interesse.