Coventry

„Jemanden nach Coventry zu schicken“ ist eine englische Redewendung und bedeutet so viel wie: jemanden schweigend zu ignorieren. Eine Erfahrung, die auch Autorin Rachel Cusk machen musste und die sie in ihrem titelgebenden Essay als Ausgangspunkt für Gedanken über Macht und Ohnmacht nimmt.

Ihre insgesamt sechs Essays beginnt sie mit Alltäglichem wie dem Autoverkehr, der Unhöflichkeit oder Wohnungseinrichtungen, bevor sie nach den Mechanismen menschlichen Handelns sucht. Dabei hinterfragt sich Cusk selbst, tastet sich voran und findet immer mehr als nur eine Wahrheit. Sie schmiedet Gedanken, überraschend, nachdenklich, direkt und voller scharfem Verstand. Ein herrlich anregendes Lesevergnügen.

Der Hausmann

Um dieses Buch zu empfehlen, haben wir verschiedene Möglichkeiten. Wir könnten a) den Plot skizzieren (ein Paar wird aus seiner Berliner Wohnung in ein Mietshaus an den Stadtrand gentrifiziert, sie arbeitet sich in ihrem neuen Job kaputt, er bleibt zuhause, schmeißt den Haushalt, hilft der 80-jährigen Nachbarin mit ihrem Internet und einem jungen Ukrainer beim Deutsch lernen, bis plötzlich eine Drogengang vor der Tür steht) oder b) auf das außergewöhnliche Konzept hinweisen (im Roman befinden sich auch eine Graphic Novel, Blogbeiträge der Rentnerin, Chat-Verläufe und Auszüge aus dem Deutschübungsheft).

Oder wir könnten c) schlicht und einfach sagen: Es macht so viel Spaß, dieses Buch zu lesen! Es ist klug, in angenehmer Dosis skurril, wirklich witzig und warmherzig. Einfach eine echte Besonderheit.

Internat

Dieser Roman ist großartig, berührend, voller eindringlicher empathischer Bilder. Er macht deutlich, wie Krieg und Zerstörung Menschen und Orte völlig verändern. Schon vor dem Überfall Putins im Februar 2022 gab es im Osten der Ukraine kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Separatisten, russischen Milizionären und ukrainischen Soldaten.

Der Lehrer Pascha will seinen 13-jährigen Neffen Sascha aus dem Internat, das am anderen Ende der Stadt direkt an der Frontlinie liegt, nach Hause bringen. Er braucht einen ganzen Tag, um dorthin zu kommen. Auf dem Heimweg geraten die beiden in unmittelbare Nähe von Kampfhandlungen. Sie müssen sich durch ein besetztes und zerbombtes Gebiet fortbewegen, dabei viele Umwege machen und erleiden Hunger und Kälte. Auf ihrem Weg begegnen sie den verschiedensten Menschen, die trotz ihrer Angst und den Grausamkeiten um sie herum ihr humanes Denken und Handeln nicht vergessen haben. Der in Vielem gleichgültige Pascha entwickelt durch die neuen Erfahrungen moralisches Verhalten und auch das anfangs gespannte Verhältnis zwischen Pascha und Sascha gewinnt an Wärme und Verständnis. Nach einer alptraumartigen Nacht erreichen sie am anderen Tag erschöpft ihr Zuhause.

In faszinierender Sprache beschreibt Sergij Zhadan diese Ereignisse. Zhadan ist ein berühmter Dichter und Musiker aus der Ukraine, der den „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“ erhielt. Sein Roman „Internat“ wird Anfang 2023 auch als Taschenbuch erscheinen.

Der Riss der Zeit geht durch mein Herz

Hertha Pauli war Schauspielerin unter Max Reinhardt, Autorin mehrerer Bücher, von denen nur wenige auf Deutsch erschienen, Verlegerin und Journalistin. Zu ihren Weggefährten gehörten Joseph Roth und Walter Mehring. Und Ödön von Horvath – seinetwegen unternahm sie einen Selbstmordversuch, über den sie in ihren mit einem Heine-Zitat übertitelten „Erinnerungen“ jedoch nur in einem Nebensatz hinwegstreicht. Diese faszinierende Persönlichkeit berichtet hier von ihrer 1938 begonnenen Flucht aus der Heimatstadt Wien über Zürich, Paris, Marseille und Lissabon nach New York, wo sie zweieinhalb Jahre später eintreffen sollte.

Die traumatischen Fluchterfahrungen beschreibt sie unaufgeregt und mit seltener Leichtigkeit und schafft zugleich immer wieder Raum für zuversichtliche, lebensfrohe Momente. Fast lyrisch schildert sie die wertvollen Augenblicke beim nächtlichen Baden im Marseiller Hafen, nur wenige Minuten, bevor sie zu Fuß zur Flucht über die Pyrenäen aufbricht. Von ihrer Freude über Zufallstreffen mit Heinrich Mann oder Franz und Alma Werfel erzählt sie ebenso wie von der erbarmungslosen Willkür des Krieges, die einige ihrer Zeitgenoss:innen überleben lässt und andere nicht.

Hertha Paulis autobiografisches „Erlebnisbuch“ erschien erstmals 1970, nun wurden diese großartigen Memoiren glücklicherweise neu aufgelegt. Hier schildert sie ihre Flucht vor den Nationalsozialisten so eindringlich wie bedrückend – und zugleich mutig und herzzerreißend!

Über Emily Brontë

Gibt es ein Buch, das Sie geprägt, verändert, echte Spuren in Ihrem Leben hinterlassen hat? Mithu Sanyal, die Autorin des großartigen Romans „Identitti“, hat ein solches Lebensbuch. Es wurde vor über 170 Jahren geschrieben und war der erste Roman, den Sanyal als Jugendliche las: Emily Brontës „Wuthering Heights“/“Sturmhöhe“. Seit der ersten Lektüre hat Sanyal diesen „postmodernen Roman des 19. Jahrhunderts“ unzählige Male gelesen und immer wieder neue Facetten daran entdeckt.

In ihrem Buch beschreibt sie auf knapp 160 Seiten, was in dem vielschichtigen Roman steckt, der Emily Brontës einziger bleiben sollte. Sanyal verknüpft persönliche Einblicke in ihr eigenes Leben mit der Faszination für die schreibenden Brontë- Schwestern Charlotte, Anne und Emily, die alle viel zu jung an Tuberkulose starben. Gleichzeitig deckt sie hochaktuelle Themen in „Wuthering Heights“ auf und zeigt, warum es sich auch heute noch unbedingt lohnt, die Geschichte rund um Heathcliff und Cathy zu lesen. Ein unheimlich kluges und ebenso unterhaltsames Buch über große Literatur!

Lincoln Highway

Nebraska 1954, irgendwo in der endlosen Weite der Prärie: Der 18-jährige Emmett ist frisch aus dem Jugendknast entlassen und fest entschlossen, mit seinem kleinen altklugen Bruder Billy ein neues Leben zu beginnen. Die beiden besitzen im Grunde nichts außer einem alten Studebaker und einem Umschlag voller Geld, den sie unter der Motorhaube des Wagens versteckt haben. Doch dann wird ihnen, bevor es überhaupt losgehen kann mit ihrer großen Reise nach Kalifornien, der Wagen von zwei ehemaligen Knastbrüdern Emmetts gestohlen. Die beiden müssen Hals über Kopf ihre Pläne ändern.

Ein großartiger, überbordender Roman, eine Verbeugung vor Jack Kerouac, ein Road Novel voller philosophischer und literarischer Anklänge, eine Lesereise, auf der einem die vielfältigsten und schrägsten Typen begegnen, eine Odyssee, in der zum Schluss die Freundschaft siegt und eine neue Lebensreise beginnen kann. Ein anrührendes und hoffnungsvolles Buch. Ein Buch, von dem man sich nicht trennen mag, weil es so lebensklug und weise ist. Ein Buch, das bleibt.

Das weiße Denken

Rekordnationalspieler Frankreichs, Fußball-Welt- und Europameister – dies dürften die naheliegenden Assoziationen
sein, die wir mit dem Namen und der Person Lilian Thuram verbinden. Thuram ist eine Legende des Profifußballs. Dabei
steht sein gesellschaftliches Engagement dem sportlichen in keiner Weise nach; im Gegenteil: Mit seiner 2008 gegründeten Stiftung „Éducation contre le racisme, pour l’égalité“ leistet er fundamentale Aufklärungsarbeit hinsichtlich eines strukturell nach wie vor weit verbreiteten Rassismus. Dessen Überwindung, so beschreibt es Thuram in seinem Buch, kann nur gelingen, indem das „weiße Denken“ – die Betrachtung der Welt allein aus der Perspektive europäischer bzw. westlich geprägter Gesellschaften – überwunden wird und wir uns nicht „schwarz“ und „weiß“ begegnen, sondern allein als Menschen.

Wie sehr „weißes Denken“ global verankert ist, demonstriert er dabei anhand von Texten James Baldwins, Toni Morrisons und anderer namhafter Autor:innen. Und wie es sich ganz konkret äußert, wird pointiert aufgezeigt. Ein Beispiel: Haben wir eine Weltkarte vor Augen, finden wir Europa oben, Afrika unterhalb – laut Thuram die klassische Perspektive „weißen Denkens“, denn wechseln wir diese und drehen die Karte einfach um, erscheint der afrikanische Kontinent wesentlich zentraler, während Europa unten liegt und plötzlich viel kleiner wirkt. Alles also eine Frage von Sichtweisen auf die Welt – und gerade diese, so der Appell des Autors, sollten zwingend ergänzt, erweitert und erneuert werden. Ein unwiderstehliches Buch, das in vielerlei Hinsicht die Augen zu öffnen vermag!

Das Haus über dem Fjord

Die Vorbemerkung lässt uns Lesende schon ein Unglück ahnen: Die Geschichte beginnt an einem Sonntag – die Familie will zu einer Geburtstagsfeier aufbrechen. Es gibt Streit zwischen Mutter und Tochter um das Kleid, das Elin tragen soll. Am Ende bleiben sie zu Hause und der Vater fährt mit den beiden Söhnen alleine los. Auf der großen Straße entlang der Küste gerät das Fahrzeug in einen Erdrutsch. Die Söhne werden in den Fluten gefunden, der Vater bleibt verschwunden und wird später für tot erklärt. Erschüttert bleiben Elin und ihre Mutter zurück, unfähig sich in ihrer Trauer zu helfen, leiden sie nebeneinander her.

22 Jahre später kehrt Elin aus Oslo zurück, um das Haus der Eltern zu räumen. Nach dem Tod der Mutter soll es nun zum Verkauf angeboten werden. Für Elin bedeutet es, sich der Familiengeschichte zu stellen, denn ihre Mutter hat seit dem Unglück nichts verändert oder entfernt. Wir folgen Elin gebannt, ihre Familiengeschichte ist berührend und überraschend. Wieviel weiß sie überhaupt von den Eltern? Elin kommt einem Geheimnis auf die Spur, das sie bis nach Frankreich führt. Und mithilfe alter Freunde der Familie kann sie ihren Frieden schließen und in die Zukunft aufbrechen.

Der Mann mit den Facettenaugen

Der pazifische Müllstrudel bricht über die taiwanische Ostküste herein. Hier lebt Alice, eine Literaturdozentin, die Mann und Sohn bei einem Kletterunfall verloren hat und entschlossen ist, auch ihrem Leben ein Ende zu setzen. Mit dem Müll an Land gespült wird Atile‘i, Bewohner von Wayowayo, einer unberührten Insel im Pazifik, der als Zweitgeborener seine Heimat verlassen musste. Ihre Geschichte erzählt Wu in seinem ersten auf Deutsch erschienen Roman und verwebt diese mit der Geschichte der indigenen Bevölkerung Taiwans – vertreten durch Hafay, eine „Amís“ und Gastwirtin, die ihren Gästen Mahlzeiten aus wildem Gemüse zubereitet und alle mit ihrem wundersamen Gesang in den Bann zieht. Und durch Daho, einen „Bunun“, der Bergführer und alleinerziehender Vater ist und zu seinen Wurzeln zurückkehrt.

Wu Ming-Yi nimmt uns in seinem ökologischen Parabelroman mit auf eine Reise in die phantastische Welt der Mythen, Gesänge und Erzählungen indigener Völker, ihrer Erklärung und Verklärung der Natur: Er beschreibt die Verbundenheit der Menschen mit der Natur und die Abhängigkeit von ihr. Und er erzählt von Trauer und Alleinsein, vom Kampf gegen Widerstände, von Kommunikation jenseits unserer Worte und nicht zuletzt sehr eindringlich von der Zerstörung der Umwelt durch die Menschen.

Die rätselhaften Honjin-Morde

Im November 1937 heiratet das Oberhaupt der angesehenen Ichiyanagi-Familie die aus einfachen Verhältnissen stammende Katsuko Kubo. Noch in der Hochzeitsnacht wird das Paar von der Familie tot in seinem Bett aufgefunden. Das Schlafzimmer war von innen verschlossen und das Schwert, mit dem die Tat verübt wurde, steckte im vorgelagerten Garten in unberührtem Schnee. Die Familie Ichiyanagi sowie der Onkel der Braut sind entsetzt und außer sich über diese Gräueltat. Wer ist für den Tod des Brautpaares verantwortlich? Und wie hat der Mörder es angestellt? Hat womöglich der ominöse Mann mit den drei Fingern etwas damit zu tun, der tags zuvor im Dorf gesehen worden war? Der Onkel der Braut lässt umgehend nach einem Freund schicken, dem jungen Privatdetektiv Kosuke Kindaichi. Von ihm erhofft er sich die Lösung des Falls – die Aufklärung des Mordes im verschlossenen Raum.

Seishi Yokomizos (1902–1981) Kriminalroman ist klassisch, spannend – und der Auftakt einer Reihe rund um den Privatdetektiv Kosuke Kindaichi. Neben seiner schönen Gestaltung verfügt das Buch über ein informatives Glossar, in dem japanische Begriffe erklärt werden. Eine Leseempfehlung für alle Agatha Christie-Fans, die gerne einmal in das Japan der Shōwa-Zeit eintauchen wollen.