Newsletter Sommer 2018 - Unsere Empfehlungen

 

Richard Fariña: Been down so long it looks like up to me. Deutsch von Dirk van Gunsteren. Steidl, 28,00

Ein Klassiker der Beat Generation, von Bob Dylan geschätzt, Lieblingsbuch Jim Morrisons – und nach mehr als 50 Jahren endlich in deutscher Sprache: Been down so long it looks like up to me ist eine großartige Entdeckung! Gründlich verpeilt und hoffnungslos überdreht treibt der sympathische Student Gnossos Pappadopuolis – Held des Buches und Alter Ego seines Autors – durch das Amerika der Sechzigerjahre. Jede Menge Campuspartys säumen seinen Weg, allerlei Drogen, gute Musik und so manche Eroberung, die sich im Nachhinein als Desaster entpuppt. Dennoch findet Gnossos immer seinen Weg, der ihn unter anderem ins Zentrum der kubanischen Revolution führt...

1966 erschien das Buch im Original, noch im selben Jahr kam sein Autor ums Leben – Richard Fariña starb nach einem Motorradunfall. Sein Freund und Mitstudent Thomas Pynchon schrieb ein erhellendes Vorwort zu Fariñas beat-poetischem Roadtrip, das uns den Autor sehr nahe bringt. Und die fabelhafte Übersetzung Dirk van Gunsterens tut ihr Übriges: Das Buch sprüht nur so vor Sprachwitz und zieht uns förmlich hinein in Amerikas frühe Hippie-Ära – und irgendwie möchten wir sie gar nicht wieder verlassen.

 

 

George Saunders: Lincoln im Bardo. Deutsch von Frank Heibert. Luchterhand, 25,00 €

Was bleibt von uns, wenn wir sterben? Gibt es ein Leben nach dem Tod und wenn ja, was ist das für ein Leben? Sind wir dort allein? Als 1862 in den USA der Sezessionskrieg tobt, stirbt Abraham Lincolns Sohn Willie mit elf Jahren an Typhus. Der tieftraurige Präsident kann seinen geliebten Sohn nicht gehen lassen, zu groß ist sein Schmerz, allumfassend seine Trauer über den Verlust.

Während er den Jungen des Nachts auf dem Friedhof aus dem Sarg hebt um ihn noch einmal im Arm zu halten, hat Willies Geist bereits Bekanntschaft gemacht mit drei Herren. Diese befinden sich ebenfalls, teilweise schon Jahrzehnte tot, im Zwischenreich, im „Bardo“ (aus dem tibetischen Buddhismus, bezeichnet die Phase zwischen einem Leben und dem nächsten, zwischen Tod und Wiedergeburt).

Sie sehen den trauernden Vater und wollen sich Willies Seele annehmen, allerdings sind in dieser Nacht noch so viele andere Tote auf dem Friedhof, längst nicht alle so liebenswert wie die drei Herren, und alle haben etwas zu sagen... "Lincoln im Bardo" ist ein Roman über Liebe und Verlust. George Saunders mischt historische Tatsachen mit (sehr) fiktiven Elementen. Es entfaltet sich eine so kraftvolle Sogwirkung, dass man nach anfänglicher Verwirrung ob der vielen verschiedenen Stimmen, die zu Wort kommen, die Seelen der Personen atemlos auf ihrem Weg an den endgültigen Ort begleitet. Schwebend.

 

 

R. G. Grant: Wächter der See. Die Geschichte der Leuchttürme. Deutsch von Heinrich Degen. Dumont, 28,00

Ein wunderschöner Bildband voller spannender Geschichten und maritimer Anekdoten, voller historischer Baupläne, detailreicher Zeichnungen und Fotografien.

Schon seit mehr als zwei Jahrtausenden beschützen die Leuchttürme – als „Wächter der See“ – die Seeleute bei der mitunter hoch gefährlichen Ausübung ihrer Tätigkeit. Und ebenso lang üben sie durch ihre mächtige architektonische Präsenz und ihre mitunter außergewöhnlichen Leuchttechniken eine ungebrochene Faszination auf die Menschen aus. Der britische Historiker R. G. Grant nimmt uns mit auf eine faszinierende Zeitreise: Vom „Pharos von Alexandria“, der um 280 v. Chr. errichtet wurde – stolze 140 Meter hoch und eines der Sieben Weltwunder – über die Atlantik-Leuchtfeuer des 17. Und 18. Jahrhunderts bis hin zum vom Karl Friedrich Schinkel entworfenen Leuchtturm am Kap Arkona. Dabei spricht der Respekt vor der gewaltigen Kraft der Elemente aus jeder Zeile. Denn, so Grant, „Leuchttürme sind weniger Ausdruck menschlicher Dominanz über die Natur als vielmehr ein Hinweis auf menschliche Zerbrechlichkeit und Einsamkeit angesichts elementarer Naturgewalten“ – auch in diesem Sinne: Ein „gewaltiges“ Buch, ein Buch zum Darinversinken!

 

 

Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn. Deutsch von Brigitte Jakobeit. Piper, 20,00 €

Gigi, Angela, Sylvia und August streifen durch das Brooklyn der Siebzigerjahre – vorbei an maroden Häuserblocks, Junkies, wummernden Bässen und Männern an dunklen Straßenecken. Jahre später kehrt August zur Beerdigung ihres Vaters nach Brooklyn zurück. Sie erinnert sich an ihre Jugend – die Zeit, in der ihre Mutter und ihre Freundinnen noch am Leben und das Zentrum ihres Universums waren, und sie die Straßen gemeinsam durchwanderten. August erzählt die Realität eines kleinen Mädchens, das zwischen den Lehren der Nation of Islam und den Erinnerungen an eine kleine Farm in Tennessee aufwächst. Ihre Geschichte spielt auf den asphaltierten Straßen des Viertels, die für so viele den Tod bedeuten sollten.

Mit "Ein anderes Brooklyn" schreibt Jacqueline Woodson ihren ersten Erwachsenenroman seit 20 Jahren. Sprachlich ist ihr damit ein kleines Meisterwerk gelungen – der Text liest sich wie eine Melodie. Dieses Jahr erhielt die afroamerikanische Schriftstellerin den Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis – die renommierteste Auszeichnung für Kinder-und Jugendbuch AutorInnen.

 

 

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz. FVA, 24,00 €

Mareike Fallwickls literarisches Debüt zieht den Leser von Anfang an in seinen Bann, schüttelt ihn durch und lässt ihn an einer vielschichtigen Freundschaft/Dreiecksbeziehung teilhaben.

Alles beginnt in einem einsamen Bergdorf in Österreich, wo der selbstbewusste Raffael dem zugezogenen und empfindsamen Moritz begegnet. Die beiden Kinder sind von Anfang an unzertrennlich, aber schnell wird das Zerstörerische hinter Raffaels strahlendem Auftreten deutlich. Als im jugendlichen Alter Johanna dazu kommt, entwickelt sich eine weitere, keinen unberührt lassende Dynamik. 16 Jahre später begegnen sich die drei wieder, und mit einer unbeschreiblichen Wucht entlädt sich, was so lange ungesagt blieb.

Sprachgewaltig und emotional packend schreibt Mareike Fallwickl über Freundschaft, Liebe, Zerstörung und Zusammenhalt – über Situationen, die jeder Mensch kennt. Genau das war das Ziel der Autorin: einen Roman zu schaffen, der unterhält und in dem sich jeder in irgendeiner Weise wiedererkennt. Das ist ihr großartig gelungen.

 

 

Nadja Spiegelman: Was nie geschehen ist. Deutsch von Sabine Kray. Aufbau, 22,00 €

Eine Familie – drei Frauen – drei eng miteinander verwobene Lebensnarrative. Wortgewand erzählt Nadja Spiegelman die Geschichte ihrer französischen Großmutter, die Geschichte ihrer Mutter und die ihrer eigenen Kindheit und Jugend in New York.

Ihre Reise in die Vergangenheit führt sie nach Paris, wo sie längere Zeit lebt, um ihrer Großmutter näherzukommen. Durch Gespräche mit ihr und ihrer Mutter versucht sie, die Lücken in ihrer eigenen Erinnerung zu schließen. Die tragischen familiären Verstrickungen, die Konflikte und das Schweigen, das den Wirren des 20. Jahrhunderts geschuldet ist, stehen der großen Liebe, dem Miteinander und der Stärke der drei Frauen gegenüber. Nadja Spiegelman erzählt die Geschichte ihrer Familie – ein ergreifendes, wunderschönes Buch.

 

 

Laurie Lee: Cider mit Rosie. Deutsch von Pociao und Walter Hartmann. Mit dreizehn Aquarellen von Laura Stoddart. Unionsverlag, 19,00 €

"Cider mit Rosie" ist ein Buch voller Zärtlichkeit und Lebendigkeit. Es handelt von der Kindheit des englischen Autors Laurie Lee, der gegen Ende des ersten Weltkrieges in einem abgeschiedenen Dorf auf dem Land aufwuchs.

In dem idyllischen Slad ist das Leben zugleich märchenhaft und von der ehrlichen Wirklichkeit geprägt. Lauries Mutter und seine drei älteren Schwestern erfüllen das romantisch baufällige Haus, in dem die Familie ohne Vater lebt, mit Geborgenheit und Chaos. Behütet, umsorgt und frei wachsen Laurie und seine Brüder auf. Sie streunen im Wald herum, spielen den Nachbarn Streiche, und saugen den sommerlichen Duft verwilderter Gärten, mit rankenden Rosen und reifen Johannisbeeren in sich auf. Aus der Perspektive eines Kindes gehören selbst Armut und Tod zum Leben dazu und werden von Laurie mit einer befreienden Natürlichkeit beschrieben.

Durch seine poetische und zugleich realistische Sprache weckt der Roman Erinnerungen an die eigene Kindheit. Unschuldige Sorgen, Ängste und Hoffnungen sind einem plötzlich wieder vertraut. In den fein beobachteten Figuren erkennt man geliebte Menschen wieder, an die man lange nicht gedacht hat. 1959 machte das Buch Laurie Lee zu einem renommierten Romancier. Nun ist es in neuer Übersetzung und mit zarten Aquarellen von Laura Stoddart im Unionsverlag erschienen und verzaubert uns aufs Neue.

 

 

James Baldwin: Von dieser Welt. Deutsch von Miriam Mandelkow. dtv, 22,00 €

James Baldwins Debütroman „Go Tell It on the Mountain“, 1953 veröffentlicht, können wir nun in hervorragender neuer Übersetzung erleben. Der Roman ist heute so aktuell wie in den 50er und 60er Jahren, als Baldwin neben Martin Luther King und Malcom X zu den Vertretern der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gehörte.

Der z.T. autobiographische Roman spielt an einem einzigen Tag (1935) im New Yorker Stadtteil Harlem. Im dramatischen ersten Kapitel beschreibt der 14jährige John die Mitglieder seiner aus dem Süden der USA stammenden Familie: seinen Stiefvater Gabriel, ein heuchlerischer, brutaler Laienprediger in einer baptistischen Gemeinde, seine Mutter Elisabeth, die still duldende Ehefrau, seinen draufgängerischen Halbbruder Roy, und Florence, die Schwester Gabriels, die ihm kämpferisch entgegentritt. Es ist Sonntag und die Familie besucht einen Erweckungsgottesdienst mit salbungsvoller Predigt und ekstatischen Gesängen. Während des Gottesdienstes werden in Erinnerungsbildern ihre angstvollen Lebensgeschichten ausgebreitet. John selbst durchlebt Verzweiflung und Erlösung.

James Baldwin ging 1948 ins Exil und fand erst hier die Kraft, seinen ersten Roman zu schreiben. In dem Schweizer Dorf befreite er sich von der Last seiner Herkunft und der afroamerikanischen Religiosität. Hier fand er seine Identität als Schwarzer, Homosexueller und Schriftsteller.

 

 

Elizabeth H. Winthrop: Mercy Seat. Deutsch von Hansjörg Schertenleib. C.H.Beck, 22,00 €

In der Kleinstadt St. Martinville in Louisiana im Jahr 1943 dreht sich alles um die in wenigen Stunden bevorstehende Hinrichtung des 17jährigen Schwarzen, Will, der ein weißes Mädchen vergewaltigt und umgebracht haben soll. Will hat das Mädchen nicht umgebracht. Als das Liebespaar entdeckt wurde, hat sich seine Geliebte aus Verzweiflung selbst das Leben genommen.

Lane ist Freigänger und mit Captain Seward im alten Truck unterwegs. Auf der staubigen Ladefläche ist der elektrische Stuhl festgeschnallt. Die beiden wären die perfekten Protagonisten eines Krimi noir, doch ihr erster Stopp führt uns direkt zum Tankstellenpärchen Ora und Dale und deren völlig unterschiedlichem Erzählton. So geht es weiter. Neue Personen tauchen auf, die Perspektiven wechseln alle paar Seiten, doch eines bleibt. Als Leser kann man nicht mehr aufhören, man wird hineingesogen in diese wahre Geschichte, die so hart klingt und doch so emotional aufgeladen ist, dass man das Hin- und Herspringen zwischen den Perspektiven liebt und nach dem stillen Helden sucht.

Der jungen Elizabeth H. Winthrop gelingt es mithilfe ihrer meisterhaften Sprache, verschiedene Genres miteinander zu verschmelzen und eine Atmosphäre zu schaffen, die einen noch tagelang beschäftigt.

 

 

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