Unsere Empfehlungen Winter 2018/2019

 

Volker Hage: Des Lebens fünfter Akt. Luchterhand, 20,00 €

Ein ganz wunderbarer Roman des Literaturkritikers Volker Hage über die 
letzten Lebensjahre Arthur Schnitzlers
 – eine melancholisch-schöne Hommage 
an den großen Dichter, die uns die Zeit
 zwischen den Weltkriegen sehr nahe
 bringt. „Mit jenem Julitag war mein 
Leben doch zu Ende. Die andern wissens 
nicht – und manchmal ich selber auch nicht“, notiert Schnitzler im Jahr 1928 nach dem tragischen (Frei-)Tod seiner damals 18-jährigen Tochter Lili in sein Tagebuch. Dabei hätte das Leben so schön sein können: Schnitzlers Ruhm erreichte immer neue Blüten, der gerade erschienene Roman Therese entwickelte sich überaus erfolgreich und er selbst stand mehr denn je im Zentrum des Wiener Kultur- und Literaturbetriebs. Und im Zentrum des Interesses der zeitgenössischen Damenwelt, seine Anziehungskraft auf das andere Geschlecht war ungebrochen. Mit großer Empathie zeichnet Volker Hage Schnitzlers „Forttreiben“ im aufreibenden Spannungsfeld der Beziehungen zu vier Frauen, die – neben der Tochter – sein Leben bestimmten: zu seiner Lebensgefährtin, der Schriftstellerin Clara Pollaczek; zu seiner geschiedenen Frau Olga, Lilis Mutter; zu seiner Herzensfreundin, der Journalistin Hedy Kempny; und zu seiner letzten großen Liebe, der Übersetzerin Suzanne Clauser.

Volker Hages Roman birgt ein Füllhorn an Figuren, an Details und Anekdoten über eine Epoche, die im Begriff ist, sich aufzulösen. Ein Personenregister am Ende sorgt dafür, dass man an keiner Stelle den Faden verliert. Dieses Buch ist nicht allein für literaturhistorisch Interessierte ein Traum!

 

 

William Heinesen: Hier wird getanzt!. Deutsch von Inga Meinke. Guggolz, 24,00 €

Etwa 50.000 Menschen leben auf den Färöern,
 auf 18 schroffen, baumlosen Inseln. In der 
kleinen Hafenstadt Tórshavn wurde Wil
liam Heinesen (1900-1991) als Sohn einer färöisch-dänischen Familie geboren. Aus der jahrhundertealten Tradition des mündlichen Erzählens ist ein Schatz von Balladen, Sagen und Märchen überliefert, die Heinesen in sein umfangreiches Werk einfließen ließ. Er schrieb alle seine Werke auf Dänisch, was ihm die Färöer übel genommen haben. Unter dem Spannungsverhältnis zwischen den Inseln und Dänemark hat er zeitlebens gelitten. Seine Erzählungen zeigen einen großen thematischen Reichtum und eine stilistische Breite. Das Buch beginnt mit zwei autobiografischen, humorvollen Geschichten über die fantasievolle, aber wirklichkeitsfremde Großmutter und den großzügigen Urgroßvater, der als Bäcker nach Tórshavn kam. Ganz anders erlebt der Leser die düstere Legende vom fremden Malteser, dem „Don Juan vom Tranhaus“. Sein Leben und Sterben wird raffiniert aus drei historischen Quellen zusammengesetzt. Ein literarisches Kleinod ist die Titelgeschichte „Hier wird getanzt“. Der Autor erzählt, wie er als Jugendlicher ein großes Hochzeitsfest auf einer abgelegenen Insel erlebt hat. Dieser Bericht spiegelt symbolisch die Höhen und Tiefen des Lebens, er handelt von Liebe und Eifersucht, Schiffbruch und Gefahr, Gewalt und Tod und vom atemlosen Tanzen und Singen. Erzählt wird in einem kühlen, manchmal ironischen Ton voller Spannung – und die Weite des Himmels und der See bilden den überaus lebendigen Hintergrund.

 

 

Ryan Gattis: Safe. Deutsch von Ingo Herzke und Michael Kellner. Rowohlt, 20,00 €

Ricky Mendoza, genannt Ghost, ist Ex-Junkie, ehemaliger Gangster und knackt mittlerweile Tresore für die DEA-Police in Los Angeles. Doch nun will Ghost Geld abzweigen, um sich angemessen zu verabschieden. Denn Ricky ist todkrank, wie es auch das Mädchen Rose war, in das er sich verliebt hatte und die bereits seit zehn Jahren tot ist. Das Punk-Mixtape von Rose ist noch da, genau wie die Sehnsucht nach ihr. Als Rudy Reyes, genannt Glasses und rechte Hand des Drogenkönigs von L.A., erfährt, dass einer ihrer Safes hochgenommen, eine Menge Geld jedoch nicht bei der DEA angekommen, sondern verschwunden ist, dauert es nicht lange, bis Ghost auf seinem Radar auftaucht. Es wurden jedoch zu viele Spuren hinterlassen für einen Profi und das macht Glasses misstrauisch. Eigentlich hat er genug vom Töten, doch in diesem Fall steht für ihn eine ganze Menge auf dem Spiel und er wird eine Ausnahme machen müssen...

Ryan Gattis spielt in dieser klassisch wirkenden Noir-Krimihandlung vor allem mit den Diskrepanzen der Moral. Beide Protagonisten bleiben äußerst ambivalent, wirken unberechenbar, jedoch nie überzogen. 
Das Spannungsfeld von Liebe, Sucht und Loyalität, in dem sie sich bewegen, zudem großartig dargestellt im Milieu, macht diesen Roman mehr als nur empfehlenswert.

 

 

Irene Moessinger: Berlin liegt am Meer. Galiani, 26,00 €

„Die besten Geschichten schreibt das 
Leben“ heißt es und dies hätte der
 Titel des autobiografischen Buches
 von Irene Moessinger sein können.
 Die Tempodrom-Gründerin, die 1980 
mit einer millionenschweren Erbschaft
 ein Zirkuszelt kauft und es direkt an 
die Berliner Mauer und mitten auf den 
Potsdamer Platz setzt, hat tatsächlich Geschichte geschrieben - und Wim Wenders hätte keinen besseren Ort für seinen Engel finden können.

Abenteurerin, Hausbesetzerin, Krankenschwester, Zirkusclown, Unternehmerin, Therapeutin und jetzt Schriftstellerin, erzählt
 Irene Moessinger vom Wagnis Leben, erzählt von der Suche nach Zugehörigkeit, erzählt glasklar und dennoch poetisch. Man liest wie 
im Rausch, ist begeistert, auch ob ihrer Ehrlichkeit und ihrer Kraft, zu vergeben und neu zu beginnen. Das Meer war und ist ihr immer Quelle der Inspiration und Heimat, die ständige Bewegung des Wassers ein Sinnbild für Fortdauer und Unendlichkeit. Auch über Berlin kreisen die Möwen und ein Zirkuszelt kann für einen langen Moment ein Zuhause sein. So lag der Titel des Buches nahe: Berlin liegt am Meer!

 

 

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Galiani, 25,00 €

Karen Duves neuer Roman führt uns in die Zeit des Biedermeier und des Vormärz. Im Mittelpunkt steht die junge Annette von Droste-Hülshoff, früher von ihren Verwandten zum Dichten ermutigt, nun, mit 23 Jahren, zu vorlaut, zu störrisch, zu unangepasst im frauenfeindlichen Biedermeier – kurz: Annette ist eine Nervensäge. Zarte Bande knüpfen sich zwischen ihr und dem mittellosen, bürgerlichen Studenten Heinrich Straube, einem Protegé ihres Onkels August von Haxthausen: Das will verhindert werden, die Familie spinnt eine Intrige und so nimmt die Katastrophe für Fräulein Nette ihren Lauf.

Detailfreudig und herrlich spitzzüngig zeichnet Karen Duve ein Gesellschaftsporträt des beginnenden 19. Jahrhunderts: Wir wohnen Trinkgelagen und Poetiktreffen von Göttinger Studenten bei, werden auf Kutschfahrten zur Verwandtschaft nach Schloss Bökendorf durch- geschüttelt, übernachten in zugigen Schlössern, besichtigen mit den Brüdern Grimm die Wilhelmshöhe und fahren mit Annette zur Kur nach Bad Driburg. Und so ganz nebenbei hält die Autorin mit ihrem Sittengemälde unserer Zeit den Spiegel vor. Ein amüsanter und hervorragend recherchierter historischer Roman.

 

 

Franziska Hauser: Die Gewitterschwimmerin. Eichborn, 22,00 €

Eine herausragende, autobiografische Familiengeschichte, die sich über 
vier Generationen erstreckt. Auf zwei
 wechselnden und sich aufeinander
 zu bewegenden Zeitebenen entfaltet
 sich das Portrait der Familie Franziska
 Hausers. Der Handlungsbogen ist weit
 gespannt – vom Dritten Reich über die
 Zeit der DDR bis hin in die Gegenwart. Somit ist der Roman auch ein Stück Zeitgeschichte. Er beginnt im Jahr 2011 und bewegt sich von dort aus in die Vergangenheit. Der zweite Handlungsstrang setzt im Jahr 1889 ein und verläuft chronologisch in Richtung Gegenwart. Auf diese Weise nähert sich die Geschichte immer mehr den Grausamkeiten, die in dieser Familie stattgefunden haben, Ebene für Ebene werden erschreckende Geheimnisse und Verletzungen freigelegt. Die Psyche der seelisch Verwundeten wird von der Autorin präzise empfunden und in wenigen, treffenden Worten beschrieben, so dass die inneren Welten der Akteure für den Leser klar zu erkennen sind. Sie verzichtet dabei auf jede direkte Interpretation und Wertung, das gibt dem Beschriebenen eine ganz besondere Wucht.

Franziska Hausers Gewitterschwimmerin war für den Deutschen Buchpreis 2018 nominiert. Für uns ein absolutes Highlight dieses Jahres.

 

 

James Baldwin: Beale Street Blues. Deutsch von Miriam Mandelkow. dtv, 20,00 €

James Baldwins Beale Street Blues beginnt mit einer Szene im Gefängnis.
 Tish, ein 19-jähriges Mädchen, besucht
 ihren Liebsten, Fonny, der zu Unrecht dort
 einsitzt. Sie erzählt ihm, dass sie ein Kind 
bekommen werden. Sie sieht ihm in die Augen und lächelt, während der Telefonhörer in ihrer Hand ganz feucht wird. Fonny ist für einen Moment ganz weit weg, ganz für sich. Und Tish beobachtet, wie er begreift, dass er Vater werden wird. Dann wirft er den Kopf zurück und lacht – lacht, bis ihm die Tränen übers Gesicht laufen.

Fonny und Tish sind seit ihrer Kindheit unzertrennlich. Als Fonny ein paar Wochen vor seiner Haft um Tishs Hand angehalten hat, gehörte 
er längst zur Familie. Die beiden waren auf der Suche nach einer gemeinsamen Wohnung, ihr Leben sollte gerade erst beginnen. Dann passiert das Schlimmste, was einem jungen Schwarzen in Amerika passieren kann: Fonny zieht die Wut eines weißen Polizisten auf sich. „Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in der Beale Street geboren“, schreibt James Baldwin 1974 im Vorwort zu seinem Roman, der hier 
in neuer Übersetzung vorliegt. Bis heute hat sich daran kaum etwas geändert. Wenn man Beale Street Blues liest, wird man von einer heftigen Wut auf die Ungerechtigkeit der „weißen“ Justiz ergriffen. Gleichzeitig schreibt Baldwin so einfühlsam über die Liebe, dass einen immer wieder pure Glücksgefühle überkommen. Tish ist nicht allein. Ihre Familie und Fonnys Vater kämpfen unermüdlich, um Fonny aus dem Gefängnis zu befreien. Und jetzt ist ein Kind auf dem Weg und gibt ihnen neue Hoffnung...

 

 

Michael Ondaatje: Kriegslicht. Deutsch von Anna Leube. Hanser, EUR 24.00

„Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort
 und ließen uns in der Obhut zweier Männer
 zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.“ So lautet der erste Satz des Romans. Es sind der 14-jährige Nathaniel und seine 16-jährige Schwester Rachel, die im London der Nachkriegszeit allein gelassen werden und deren Betreuer nun mit ihnen in der Wohnung leben. Der Ich-Erzähler, der mittlerweile erwachsene Nathaniel, erinnert sich. Es ist für ihn eine Zeit der außergewöhnlichsten Abenteuer. Er wird zu illegalen Hunderennen mitgenommen, zu nächtlichen Fahrten auf der Themse mit geheimnisvoller Ladung, er erlebt seine erste Liebe zu Agnes. Bedrohliche Zwischenfälle erreichen die Kinder, plötzlich ist die Mutter wieder da, die Betreuer sind verschwunden. Rachel wendet sich von der Mutter ab, Nathaniel versucht sie zu verstehen – dann kommt es zum gewaltsamen Tod der Mutter. Nathaniel fügt Beobachtungen und Ereignisse zusammen, recherchiert Fakten und Fragmente über ihre Tätigkeit als Spionin während und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ondaatje ist ein Meister der Konstruktion, Verborgenes wird plötzlich hinter Sichtbarem deutlich, Erfundenes bleibt im Dämmerlicht, Details ergänzen sich langsam zu einem dichten Ganzen. Der genial komponierte Roman ist alles zugleich: Spionagethriller, traumatische Coming of Age-Geschichte und psychologisches Portrait einer nach Unabhängigkeit strebenden Frau – geschrieben in einer sehr poetischen, lebendigen Sprache.

 

 

Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe. Deutsch von Elina Kritzokat. Hanser, 21,00 €

Aus drei Erzählperspektiven setzt sich dieser wunderschöne und ergreifende Debütroman der finnischen Autorin Minna Rytisalo um die junge Kaufmannstochter Lempi zusammen: Der junge Bauer Viljami kehrt während des Zweiten Weltkriegs von der Front in sein zerstörtes Heimatdorf zurück, traut sich jedoch nicht, seinen Hof zu betreten; er weiß, dass seine geliebte Frau Lempi verschwunden, vielleicht sogar tot ist. So verharrt er in der Wildnis und erinnert sich an den einen gemeinsamen, glücklichen Sommer. Auf dem Hof wartet die Magd Elli, die zu Lempis Unterstützung geholt wurde. Heimlich in Viljami verliebt und dessen junge Ehefrau verachtend, kümmert sich Elli aufopfernd um den Sohn des Paares. Und zuletzt Lempis Zwillingsschwester Sisko, die stets im Schatten der Schwester steht, sich mit einem deutschen Soldaten einlässt und der Heimat den Rücken kehrt. Aus diesen drei Schilderungen, die von Verklärung bis Verteufelung reichen, ergibt sich allmählich ein Bild von Lempi, deren Name gleichzeitig das altfinnische Wort für Liebe ist – und so ist der Roman dann auch ein Buch über die Liebe, über das Suchen nach ihr und das Finden, die Hoffnung auf sie, aber auch über ihre Abgründe...

 

 

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Unsere Empfehlungen Sommer 2018

 

Richard Fariña: Been down so long it looks like up to me. Deutsch von Dirk van Gunsteren. Steidl, 28,00

Ein Klassiker der Beat Generation, von Bob Dylan geschätzt, Lieblingsbuch Jim Morrisons – und nach mehr als 50 Jahren endlich in deutscher Sprache: Been down so long it looks like up to me ist eine großartige Entdeckung! Gründlich verpeilt und hoffnungslos überdreht treibt der sympathische Student Gnossos Pappadopuolis – Held des Buches und Alter Ego seines Autors – durch das Amerika der Sechzigerjahre. Jede Menge Campuspartys säumen seinen Weg, allerlei Drogen, gute Musik und so manche Eroberung, die sich im Nachhinein als Desaster entpuppt. Dennoch findet Gnossos immer seinen Weg, der ihn unter anderem ins Zentrum der kubanischen Revolution führt...

1966 erschien das Buch im Original, noch im selben Jahr kam sein Autor ums Leben – Richard Fariña starb nach einem Motorradunfall. Sein Freund und Mitstudent Thomas Pynchon schrieb ein erhellendes Vorwort zu Fariñas beat-poetischem Roadtrip, das uns den Autor sehr nahe bringt. Und die fabelhafte Übersetzung Dirk van Gunsterens tut ihr Übriges: Das Buch sprüht nur so vor Sprachwitz und zieht uns förmlich hinein in Amerikas frühe Hippie-Ära – und irgendwie möchten wir sie gar nicht wieder verlassen.

 

 

George Saunders: Lincoln im Bardo. Deutsch von Frank Heibert. Luchterhand, 25,00 €

Was bleibt von uns, wenn wir sterben? Gibt es ein Leben nach dem Tod und wenn ja, was ist das für ein Leben? Sind wir dort allein? Als 1862 in den USA der Sezessionskrieg tobt, stirbt Abraham Lincolns Sohn Willie mit elf Jahren an Typhus. Der tieftraurige Präsident kann seinen geliebten Sohn nicht gehen lassen, zu groß ist sein Schmerz, allumfassend seine Trauer über den Verlust.

Während er den Jungen des Nachts auf dem Friedhof aus dem Sarg hebt um ihn noch einmal im Arm zu halten, hat Willies Geist bereits Bekanntschaft gemacht mit drei Herren. Diese befinden sich ebenfalls, teilweise schon Jahrzehnte tot, im Zwischenreich, im „Bardo“ (aus dem tibetischen Buddhismus, bezeichnet die Phase zwischen einem Leben und dem nächsten, zwischen Tod und Wiedergeburt).

Sie sehen den trauernden Vater und wollen sich Willies Seele annehmen, allerdings sind in dieser Nacht noch so viele andere Tote auf dem Friedhof, längst nicht alle so liebenswert wie die drei Herren, und alle haben etwas zu sagen... "Lincoln im Bardo" ist ein Roman über Liebe und Verlust. George Saunders mischt historische Tatsachen mit (sehr) fiktiven Elementen. Es entfaltet sich eine so kraftvolle Sogwirkung, dass man nach anfänglicher Verwirrung ob der vielen verschiedenen Stimmen, die zu Wort kommen, die Seelen der Personen atemlos auf ihrem Weg an den endgültigen Ort begleitet. Schwebend.

 

 

R. G. Grant: Wächter der See. Die Geschichte der Leuchttürme. Deutsch von Heinrich Degen. Dumont, 28,00

Ein wunderschöner Bildband voller spannender Geschichten und maritimer Anekdoten, voller historischer Baupläne, detailreicher Zeichnungen und Fotografien.

Schon seit mehr als zwei Jahrtausenden beschützen die Leuchttürme – als „Wächter der See“ – die Seeleute bei der mitunter hoch gefährlichen Ausübung ihrer Tätigkeit. Und ebenso lang üben sie durch ihre mächtige architektonische Präsenz und ihre mitunter außergewöhnlichen Leuchttechniken eine ungebrochene Faszination auf die Menschen aus. Der britische Historiker R. G. Grant nimmt uns mit auf eine faszinierende Zeitreise: Vom „Pharos von Alexandria“, der um 280 v. Chr. errichtet wurde – stolze 140 Meter hoch und eines der Sieben Weltwunder – über die Atlantik-Leuchtfeuer des 17. Und 18. Jahrhunderts bis hin zum vom Karl Friedrich Schinkel entworfenen Leuchtturm am Kap Arkona. Dabei spricht der Respekt vor der gewaltigen Kraft der Elemente aus jeder Zeile. Denn, so Grant, „Leuchttürme sind weniger Ausdruck menschlicher Dominanz über die Natur als vielmehr ein Hinweis auf menschliche Zerbrechlichkeit und Einsamkeit angesichts elementarer Naturgewalten“ – auch in diesem Sinne: Ein „gewaltiges“ Buch, ein Buch zum Darinversinken!

 

 

Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn. Deutsch von Brigitte Jakobeit. Piper, 20,00 €

Gigi, Angela, Sylvia und August streifen durch das Brooklyn der Siebzigerjahre – vorbei an maroden Häuserblocks, Junkies, wummernden Bässen und Männern an dunklen Straßenecken. Jahre später kehrt August zur Beerdigung ihres Vaters nach Brooklyn zurück. Sie erinnert sich an ihre Jugend – die Zeit, in der ihre Mutter und ihre Freundinnen noch am Leben und das Zentrum ihres Universums waren, und sie die Straßen gemeinsam durchwanderten. August erzählt die Realität eines kleinen Mädchens, das zwischen den Lehren der Nation of Islam und den Erinnerungen an eine kleine Farm in Tennessee aufwächst. Ihre Geschichte spielt auf den asphaltierten Straßen des Viertels, die für so viele den Tod bedeuten sollten.

Mit "Ein anderes Brooklyn" schreibt Jacqueline Woodson ihren ersten Erwachsenenroman seit 20 Jahren. Sprachlich ist ihr damit ein kleines Meisterwerk gelungen – der Text liest sich wie eine Melodie. Dieses Jahr erhielt die afroamerikanische Schriftstellerin den Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis – die renommierteste Auszeichnung für Kinder-und Jugendbuch AutorInnen.

 

 

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz. FVA, 24,00 €

Mareike Fallwickls literarisches Debüt zieht den Leser von Anfang an in seinen Bann, schüttelt ihn durch und lässt ihn an einer vielschichtigen Freundschaft/Dreiecksbeziehung teilhaben.

Alles beginnt in einem einsamen Bergdorf in Österreich, wo der selbstbewusste Raffael dem zugezogenen und empfindsamen Moritz begegnet. Die beiden Kinder sind von Anfang an unzertrennlich, aber schnell wird das Zerstörerische hinter Raffaels strahlendem Auftreten deutlich. Als im jugendlichen Alter Johanna dazu kommt, entwickelt sich eine weitere, keinen unberührt lassende Dynamik. 16 Jahre später begegnen sich die drei wieder, und mit einer unbeschreiblichen Wucht entlädt sich, was so lange ungesagt blieb.

Sprachgewaltig und emotional packend schreibt Mareike Fallwickl über Freundschaft, Liebe, Zerstörung und Zusammenhalt – über Situationen, die jeder Mensch kennt. Genau das war das Ziel der Autorin: einen Roman zu schaffen, der unterhält und in dem sich jeder in irgendeiner Weise wiedererkennt. Das ist ihr großartig gelungen.

 

 

Nadja Spiegelman: Was nie geschehen ist. Deutsch von Sabine Kray. Aufbau, 22,00 €

Eine Familie – drei Frauen – drei eng miteinander verwobene Lebensnarrative. Wortgewand erzählt Nadja Spiegelman die Geschichte ihrer französischen Großmutter, die Geschichte ihrer Mutter und die ihrer eigenen Kindheit und Jugend in New York.

Ihre Reise in die Vergangenheit führt sie nach Paris, wo sie längere Zeit lebt, um ihrer Großmutter näherzukommen. Durch Gespräche mit ihr und ihrer Mutter versucht sie, die Lücken in ihrer eigenen Erinnerung zu schließen. Die tragischen familiären Verstrickungen, die Konflikte und das Schweigen, das den Wirren des 20. Jahrhunderts geschuldet ist, stehen der großen Liebe, dem Miteinander und der Stärke der drei Frauen gegenüber. Nadja Spiegelman erzählt die Geschichte ihrer Familie – ein ergreifendes, wunderschönes Buch.

 

 

Laurie Lee: Cider mit Rosie. Deutsch von Pociao und Walter Hartmann. Mit dreizehn Aquarellen von Laura Stoddart. Unionsverlag, 19,00 €

"Cider mit Rosie" ist ein Buch voller Zärtlichkeit und Lebendigkeit. Es handelt von der Kindheit des englischen Autors Laurie Lee, der gegen Ende des ersten Weltkrieges in einem abgeschiedenen Dorf auf dem Land aufwuchs.

In dem idyllischen Slad ist das Leben zugleich märchenhaft und von der ehrlichen Wirklichkeit geprägt. Lauries Mutter und seine drei älteren Schwestern erfüllen das romantisch baufällige Haus, in dem die Familie ohne Vater lebt, mit Geborgenheit und Chaos. Behütet, umsorgt und frei wachsen Laurie und seine Brüder auf. Sie streunen im Wald herum, spielen den Nachbarn Streiche, und saugen den sommerlichen Duft verwilderter Gärten, mit rankenden Rosen und reifen Johannisbeeren in sich auf. Aus der Perspektive eines Kindes gehören selbst Armut und Tod zum Leben dazu und werden von Laurie mit einer befreienden Natürlichkeit beschrieben.

Durch seine poetische und zugleich realistische Sprache weckt der Roman Erinnerungen an die eigene Kindheit. Unschuldige Sorgen, Ängste und Hoffnungen sind einem plötzlich wieder vertraut. In den fein beobachteten Figuren erkennt man geliebte Menschen wieder, an die man lange nicht gedacht hat. 1959 machte das Buch Laurie Lee zu einem renommierten Romancier. Nun ist es in neuer Übersetzung und mit zarten Aquarellen von Laura Stoddart im Unionsverlag erschienen und verzaubert uns aufs Neue.

 

 

James Baldwin: Von dieser Welt. Deutsch von Miriam Mandelkow. dtv, 22,00 €

James Baldwins Debütroman „Go Tell It on the Mountain“, 1953 veröffentlicht, können wir nun in hervorragender neuer Übersetzung erleben. Der Roman ist heute so aktuell wie in den 50er und 60er Jahren, als Baldwin neben Martin Luther King und Malcom X zu den Vertretern der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gehörte.

Der z.T. autobiographische Roman spielt an einem einzigen Tag (1935) im New Yorker Stadtteil Harlem. Im dramatischen ersten Kapitel beschreibt der 14jährige John die Mitglieder seiner aus dem Süden der USA stammenden Familie: seinen Stiefvater Gabriel, ein heuchlerischer, brutaler Laienprediger in einer baptistischen Gemeinde, seine Mutter Elisabeth, die still duldende Ehefrau, seinen draufgängerischen Halbbruder Roy, und Florence, die Schwester Gabriels, die ihm kämpferisch entgegentritt. Es ist Sonntag und die Familie besucht einen Erweckungsgottesdienst mit salbungsvoller Predigt und ekstatischen Gesängen. Während des Gottesdienstes werden in Erinnerungsbildern ihre angstvollen Lebensgeschichten ausgebreitet. John selbst durchlebt Verzweiflung und Erlösung.

James Baldwin ging 1948 ins Exil und fand erst hier die Kraft, seinen ersten Roman zu schreiben. In dem Schweizer Dorf befreite er sich von der Last seiner Herkunft und der afroamerikanischen Religiosität. Hier fand er seine Identität als Schwarzer, Homosexueller und Schriftsteller.

 

 

Elizabeth H. Winthrop: Mercy Seat. Deutsch von Hansjörg Schertenleib. C.H.Beck, 22,00 €

In der Kleinstadt St. Martinville in Louisiana im Jahr 1943 dreht sich alles um die in wenigen Stunden bevorstehende Hinrichtung des 17jährigen Schwarzen, Will, der ein weißes Mädchen vergewaltigt und umgebracht haben soll. Will hat das Mädchen nicht umgebracht. Als das Liebespaar entdeckt wurde, hat sich seine Geliebte aus Verzweiflung selbst das Leben genommen.

Lane ist Freigänger und mit Captain Seward im alten Truck unterwegs. Auf der staubigen Ladefläche ist der elektrische Stuhl festgeschnallt. Die beiden wären die perfekten Protagonisten eines Krimi noir, doch ihr erster Stopp führt uns direkt zum Tankstellenpärchen Ora und Dale und deren völlig unterschiedlichem Erzählton. So geht es weiter. Neue Personen tauchen auf, die Perspektiven wechseln alle paar Seiten, doch eines bleibt. Als Leser kann man nicht mehr aufhören, man wird hineingesogen in diese wahre Geschichte, die so hart klingt und doch so emotional aufgeladen ist, dass man das Hin- und Herspringen zwischen den Perspektiven liebt und nach dem stillen Helden sucht.

Der jungen Elizabeth H. Winthrop gelingt es mithilfe ihrer meisterhaften Sprache, verschiedene Genres miteinander zu verschmelzen und eine Atmosphäre zu schaffen, die einen noch tagelang beschäftigt.

 

 

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