Unsere Empfehlungen Sommer 2019

 

Katharina Mevissen: Ich kann dich hören. Wagenbach, 19,00 €

Osman Engels und sein Cello sind 
eng miteinander verbunden. Der Ich-
Erzähler ist Student an der Hamburger
 Musikhochschule und wohnt mit 
Andi und Luise in einer WG. Er ist im 
Ruhrgebiet aufgewachsen. Schwierig ist 
das Verhältnis zu seinem Vater, einem
 erfolgreichen Geiger, der als Student aus
 der Türkei nach Deutschland kam. Die Mutter hat die Familie früh verlassen, ein älterer Bruder lebt in Kanada. Die Schwester des Vaters, Elide, hat aus Familienverbundenheit ihren Plan, in Paris zu studieren, aufgegeben, um die kleinen Söhne des Bruders zu betreuen. Sie ist
 die zweite Erzählerin und man spürt in ihrem Ton die Verbitterung über ihr Leben. Als der Vater sich das Handgelenk bricht, die Tante um Hilfe bittet und ein missglücktes Cello-Vorspiel ihn belastet,
 gerät Osman in eine emotionale Krise. Er verlässt Freunde ohne Begründung und weigert sich zu kommunizieren. Zufällig kommt
 ein Diktiergerät in seine Hände. Er hört es ab und findet darauf die verschiedensten Geräusche, viel Stille und die Stimme einer jungen Frau – Ella –, die mit ihrer gehörlosen Schwester eine Reise macht. Osman flüchtet vor seinen eigenen Problemen in das Zuhören.

Die junge Autorin hat einen faszinierenden Roman mit besonderen sprachlichen Ausdrucksmitteln geschaffen. Sie setzt poetische Beschreibungen für alles Akustische ein, Töne werden durch Bilder lebendig, sogar die Gebärdensprache ist zu „hören“. Voller Spannung und Empathie folgt man den Erzählstimmen dieses beeindruckenden Buches.

 

 

Charles Ferdinand Ramuz: Aline. Deutsch von Yvonne und Herbert Meier. Limmat, 24,00 €

Ein Dorf auf dem Land um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert. Die Tochter einer armen Witwe verliebt sich in den Sohn des Bürgermeisters, sie beginnen eine heimliche Liebschaft. Doch während die siebzehnjährige Aline von einer gemeinsamen Zukunft träumt, verliert Julien bereits nach einem Sommer das Interesse; das Mädchen wird ihm lästig: „Sie blieb zwar dieselbe, aber Julien war nicht mehr derselbe. Er war wie ein Mann, der sich an einen gedeckten Tisch setzt und wieder aufsteht, wenn er keinen Hunger mehr hat. Er steht auf, und man sieht, wie er weggeht und dass man ihn nicht zurückhalten kann, denn die Liebe, die er hatte, war ein Hunger, der vergeht, wie eben ein Hunger vergehen kann.“ Als Aline bemerkt, dass sie schwanger ist, stößt sie aufgrund der vorherrschenden engen Konventionen auf Ablehnung durch Julien, durch die Mutter und durch sämtliche Bewohner des Dorfes. Die Tragödie nimmt ihren Lauf und so zerbricht das Mädchen an seiner Liebe.

In einfacher, klassischer und wunderschöner Sprache erzählt der Schweizer Autor Charles Ferdinand Ramuz (1878-1947) in seinem Romandebüt aus dem Jahr 1905 die tragische Liebes- und Lebensgeschichte der jungen Aline. Der Autor gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Schweizer Literatur in französischer Sprache und wurde mehrfach für den Literaturnobelpreis nominiert. Die Geschichte erschien 1940 erstmals auf Deutsch und wird nun in einer bibliophilen Ausgabe vom Limmat Verlag neu herausgegeben.

 

 

Jocelyne Saucier: Niemals ohne sie. Deutsch von Sonja Finck und Frank Weigand. Insel, 20,00 €

Matz hat zwanzig ältere Geschwister und ist wahnsinnig stolz auf seine große Familie.
 Er liebt es, sich an die wilde Kindheit zu
erinnern, an das marode Haus, in dem die Horde Kinder täglich um einen Platz auf dem Sofa, eine saubere Hose, ein bisschen Aufmerksamkeit von den Eltern kämpft. Das kanadische Dorf, in dem die Cardinal-Familie lebt, entstand in einer Zeit, als der Bergbau florierte. Doch die Zinkader versiegte schneller als gedacht und das Dorf verwahrloste. Den Cardinal-Kindern ist das nur Recht, schließlich hatte ihr Vater die Zinkader entdeckt und hätte ihr rechtmäßiger, reicher Besitzer werden müssen. Ein großer Konzern hat ihnen ihre Mine gestohlen und so streifen die Cardinals als furchteinflößende Bande durch den Ort, zünden Dynamitstangen und Autos an, machen den wenigen verbliebenen Einwohnern das Leben zur Hölle, bis diese schließlich das Weite suchen. Matz liebt es, wenn seine Geschwister von diesen Abenteuern erzählen, für die er noch zu klein war. Doch an einem Punkt enden die Geschichten immer und er spürt, dass seine Geschwister ein furchtbares Geheimnis hüten. Etwas ist passiert, bevor sie einer nach dem anderen in die weite Welt auszogen und ihre Vergangenheit als „Cardinal-Krieger“ hinter sich ließen.

Jocelyne Saucier zieht uns mit ihrer zärtlichen Sprache immer tiefer in das Spannungsfeld dieser stolzen Familie. Es geht um Familienzusammenhalt, Ehre und Schuld. Man kann diesen Roman gar nicht wieder aus der Hand legen – und am Schluss fällt es einem wie Schuppen von den Augen!

 

 

James M. Cain: Mildred Pierce. Deutsch von Peter Torberg. Arche, 22,00 €

Kalifornien in den Dreißigerjahren während
 der Großen Depression. Mildred Pierce ist 
jung, Mutter von zwei Töchtern und lebt mit
 ihrem Ehemann in einem hübschen Musterhaus. Bert ist im Immobiliengeschäft – bzw. war, denn er hat alles verloren und findet keinen neuen Job. Stattdessen verbringt er lieber Zeit bei seiner Geliebten und so setzt Mildred ihn vor die Tür. Als Hausfrau, auf sich allein gestellt, mit einer Hypothek auf dem Haus, hat sie zunächst Schwierigkeiten, für ihre Familie zu sorgen, ehe sie dank ihrer Willenskraft über die Jahre eine erfolgreiche Unternehmerin wird. An Zähigkeit mangelt es auch Veda nicht, Mildreds ältester Tochter, doch Veda ist zudem selbstherrlich und nutzt die bedingungslose Liebe ihrer Mutter kaltherzig bis zum Äußersten.

James M. Cains hochmoderner Roman aus dem Jahre1941 besticht durch eine klare Sprache mit detaillierter Bildhaftigkeit und erinnert die Leser*innen an die Filmserie „Mad Men“. Vor allem die Thematik der selbstbewussten Frau wird in der Mutter-Tochter-Beziehung fast schon potenziert dargestellt. Geschichten aus der Zeit der Prohibition gibt es viele, „Mildred Pierce“ ist wirklich besonders – und spannend allemal.

 

 

Vea Kaiser: Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger. Kiepenheuer & Witsch, 22,00 €

Eine tolle Geschichte voller Tragikomik und extravaganter Figuren, die den Leser*innen 
unmittelbar ans Herz wachsen. Lorenz, ein
 Bonvivant und Schauspieler ohne Engagement, macht sich in einem Fiat Panda auf den Weg, um den Leichnam seines plötzlich verstorbenen Onkels Willi aus Wien in die montenegrinische Heimat zu überführen. Mit von der Partie sind seine drei Tanten, die zur Nachkriegszeit im niederösterreichischen Waldviertel aufwuchsen und ein dunkles Familiengeheimnis hüten: Da ist die zielstrebige Mirl, die zwar wohlhabend geheiratet hat, damit aber sehenden Auges ins Unglück rannte; da ist die bußfertige Hedi, die immer für andere da war, nur für sich selbst nicht; da ist die autistische Wetti, die die Natur liebt, die Pflanzen und Tiere, aber mit den Menschen so ihre Schwierigkeiten hat. Und da ist natürlich Onkel Willi, der eigentlich Koviljo heißt und aus den Bergen Montenegros kommt, wohin er jetzt zurückkehrt – posthum und tiefgefroren, mit Sonnenbrille und Cap auf dem Beifahrersitz...

Eine irrwitzige Balkan-Roadnovel, ein rasanter Trip über gut 1000 Kilometer, während dem jede Menge Vergangenheit aufbereitet wird. Vea Kaiser ist eine Meisterin der Familienepen. Schon ihre Romane „Blasmusikpop“ und „Makarionissi“ haben uns begeistert – der „Rückwärtswalzer“ tut es erst recht!

 

 

José Eduardo Agualusa: Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer. Deutsch von Michael Kegler. C.H. Beck, 22,00 €

Die Macht der Träume ist das Thema des
 Romans von José Eduardo Agualusa:
 Jahrzehntelange Bürgerkriege und ein 
autoritäres Regime in Angola haben die Menschen desillusioniert und gelähmt zurückgelassen. Daniel Benchimol, Feuilleton-Journalist und frisch geschieden von einer Frau aus einflussreicher Familie, in dessen Ungnade er aufgrund seiner Systemkritik fällt, beschäftigt sich mit verschwundene Dingen. Er träumt von der Zukunft, von Interviews mit bekannten Persönlichkeiten und immer wieder taucht in seinen Träumen eine aparte Unbekannte auf, die schließlich auf wundersame Weise in sein Leben tritt. Hossi Apolónio Kaley, Hotelier eines kleinen Strandhotels und ehemaliger Guerillero, sammelt Informationen über seine Gäste, aus alter Gewohnheit vielleicht, denn während des Bürgerkriegs in Angola tat er schreckliche Dinge, an die er sich jedoch nicht erinnert. Auch träumt er nicht mehr, taucht aber in den Träumen anderer Menschen auf, was sogar den Geheimdienst auf den Plan ruft. Daniels Tochter Lucia hat einen ganz konkreten Traum: Sie träumt von einer besseren, gerechteren Welt, und so begehrt sie gegen das autoritäre Regime auf und schließt sich einer Gruppe revoltierender Jugendlicher und Künstler an, die im schlafwandelnden Angola nicht mehr stillhalten wollen. Ein Schritt, der alles in Bewegung setzt...

Kunstvoll verwebt der angolanische Autor José Eduardo Agualusa die Geschichten und Träume seiner Protagonisten miteinander – ein politisches, poetisches und zugleich humorvolles Buch!

 

 

William Boyd: Blinde Liebe. Die Verzückung des Brodie Moncur. Deutsch von Ulrike Thiesmeyer. Kampa, 24,00 €

 

„Folge deinem Herzen“, so könnte der Titel des Romans auch lauten. Im Europa des 19. Jahrhunderts verliebt sich der lungenkranke Brodie Moncur. Er ist ein talentierter Klavierstimmer aus einem Dorf in Schottland, hat das absolute Gehör und weilt in Nizza zur Kur. Eine Begegnung mit der bezaubernden Sängerin Lika Blum stellt sein Leben auf den Kopf. Er kann sie nicht mehr vergessen – aber sie ist 
in festen Händen. Ihr Geliebter, der gefeierte Pianist John Kilbarron, wird sie nicht gehen lassen. Das Talent des Klavierstimmers Brodie wird für den cholerischen Künstler Kilbarron unverzichtbar. Beide willigen in eine gemeinsame Tournee ein, Kilbarron aus wirtschaftlichen Gründen, Brodie weil er nicht anders kann. Die Reise wird um die halbe Welt gehen. Begleitet werden sie vom Manager Malachi Kilbarron, dem kontrollsüchtigen Bruder des Pianisten. Unweigerlich verstricken sich die Protagonisten in einem Lügengeflecht. Sie müssen fliehen und wollen bleiben, sie verletzen und werden verletzt. Es ist die facettenreiche Geschichte einer obsessiven Liebe.

William Boyd beobachtet genau, er bringt seine Romanfiguren an den Rand des Möglichen. Ein leidenschaftlicher, traditioneller Geschichtenerzähler. Mit seinem fünfzehnten Roman entführt er uns in das turbulente Leben einer Künstlerepoche.

 

 

Jirí Weil: Mendelssohn auf dem Dach. Deutsch von Eckhard Thiele. Wagenbach, 22,00 €

„Mendelssohn auf dem Dach“ ist ein Roman der Erinnerung, der Mahnung und des Widerstandes.
 Der Prager Autor Jirí Weil schrieb diese große tschechische Erzählung 
als ein Zeitzeuge, der dem Terror der Nationalsozialisten nur durch einen fingierten Selbstmord entgehen konnte. Seine Erzählung zeichnet das Bild einer von Gewalt und Tod gebrandmarkten Stadt. Die Prager Juden werden nach Theresienstadt deportiert und die Zurückgebliebenen versuchen, diesem drohenden Schicksal zu entgehen. Weil beschwört beklemmende Bilder herauf, in denen menschliche Abgründe, Resignation aber auch Mut und Humanität einander gegenüberstehen.

Der Autor entwirft beeindruckende Figuren, für die es kein Entkommen gibt. Schonungslos wird dabei Geschichte erzählt, die den Ermordeten 
und ihrem Schicksal eine Stimme verleiht. Weil, der selbst in den Nachkriegsjahren im Jüdischen Museum Prags arbeiten sollte, berichtet vom Raub jüdischen Eigentums und religiöser sowie kultureller Güter. Er verknüpft dabei die Geschichten der rechtmäßigen Besitzer mit denen seiner Protagonisten. Da ist der starke Richard Reisinger, der von den SS-Schergen gezwungen wird, das Gestohlene aus den Wohnungen zu holen und zu sortieren, da ist der Gelehrte Doktor Rabinowitsch, der die religiösen Gegenstände für eine perfide Ausstellung der Nationalsozialisten katalogisiert und zusammensetzt. Da sind die beiden jungen Schwestern Adéla und Gréta, die von dem Kommunisten Jan Kruliš in der Stadt versteckt werden, und da ist Julius Schlesinger – SS-Anwärter –, der den Auftrag erhält, die Statue Mendelssohns auf dem Dach des Rudolfinums zu zerstören. Dieser Klassiker der neueren tschechischen Literatur liegt nun endlich wieder in einer Neuausgabe im Wagenbach Verlag vor.

 

 

Barbara Honigmann: Georg. Hanser, 18,00 €

„Mein Vater heiratete immer dreißigjährige Frauen. Er wurde älter, aber seine 
Frauen blieben immer um die dreißig.
 Sie hießen Ruth, Litzy, das war meine
 Mutter, Gisela [Gisela May, die berühmte
 Schauspielerin und Sängerin der DDR]
 und Liselotte“, schreibt die bekannte Autorin Barbara Honigmann über das bewegte Leben ihres Vaters Georg. Georg wurde 1903 
in eine assimilierte jüdische Familie geboren, er starb 1984 und wurde seinem Wunsch entsprechend auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee begraben. Er war als Korrespondent in London tätig und schloss sich jungen, meist jüdischen Menschen an, „die kommunistischen Überzeugungen, Träumen von Gleichheit und Gerechtigkeit“ anhingen. 1949 ging er mit Litzy in die Sowjetische Besatzungszone und trat in die SED ein. Im selben Jahr wurde 
die Tochter Barbara in Ostberlin geboren, heute lebt sie in einer Jüdischen Gemeinde in Straßburg. War es „naiver Glaube an die sozialistische Brüderlichkeit“, die ihn blind machte gegenüber den kommunistischen Verbrechen, fragt sich die Autorin im Nachdenken über ihren Vater.

Barbara Honigmann erzählt unaufgeregt und liebevoll von
 eigenen Erinnerungen und bezieht die Gespräche, die sie mit den Ehefrauen geführt hat, mit ein. Man hat den Eindruck, die Sprünge 
in ihrem Bericht würden den Widersprüchlichkeiten im Leben 
des Vaters entsprechen. Mit sehr genauem Blick erwähnt sie ihre Auseinandersetzungen mit ihm über politische und religiöse Fragen. Die Lebensbeschreibung des Vaters spiegelt zugleich einen wichtigen Teil der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert wieder.

 

 

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Unsere Empfehlungen Winter 2018/2019

 

Volker Hage: Des Lebens fünfter Akt. Luchterhand, 20,00 €

Ein ganz wunderbarer Roman des Literaturkritikers Volker Hage über die 
letzten Lebensjahre Arthur Schnitzlers
 – eine melancholisch-schöne Hommage 
an den großen Dichter, die uns die Zeit
 zwischen den Weltkriegen sehr nahe
 bringt. „Mit jenem Julitag war mein 
Leben doch zu Ende. Die andern wissens 
nicht – und manchmal ich selber auch nicht“, notiert Schnitzler im Jahr 1928 nach dem tragischen (Frei-)Tod seiner damals 18-jährigen Tochter Lili in sein Tagebuch. Dabei hätte das Leben so schön sein können: Schnitzlers Ruhm erreichte immer neue Blüten, der gerade erschienene Roman Therese entwickelte sich überaus erfolgreich und er selbst stand mehr denn je im Zentrum des Wiener Kultur- und Literaturbetriebs. Und im Zentrum des Interesses der zeitgenössischen Damenwelt, seine Anziehungskraft auf das andere Geschlecht war ungebrochen. Mit großer Empathie zeichnet Volker Hage Schnitzlers „Forttreiben“ im aufreibenden Spannungsfeld der Beziehungen zu vier Frauen, die – neben der Tochter – sein Leben bestimmten: zu seiner Lebensgefährtin, der Schriftstellerin Clara Pollaczek; zu seiner geschiedenen Frau Olga, Lilis Mutter; zu seiner Herzensfreundin, der Journalistin Hedy Kempny; und zu seiner letzten großen Liebe, der Übersetzerin Suzanne Clauser.

Volker Hages Roman birgt ein Füllhorn an Figuren, an Details und Anekdoten über eine Epoche, die im Begriff ist, sich aufzulösen. Ein Personenregister am Ende sorgt dafür, dass man an keiner Stelle den Faden verliert. Dieses Buch ist nicht allein für literaturhistorisch Interessierte ein Traum!

 

 

William Heinesen: Hier wird getanzt!. Deutsch von Inga Meinke. Guggolz, 24,00 €

Etwa 50.000 Menschen leben auf den Färöern,
 auf 18 schroffen, baumlosen Inseln. In der 
kleinen Hafenstadt Tórshavn wurde Wil
liam Heinesen (1900-1991) als Sohn einer färöisch-dänischen Familie geboren. Aus der jahrhundertealten Tradition des mündlichen Erzählens ist ein Schatz von Balladen, Sagen und Märchen überliefert, die Heinesen in sein umfangreiches Werk einfließen ließ. Er schrieb alle seine Werke auf Dänisch, was ihm die Färöer übel genommen haben. Unter dem Spannungsverhältnis zwischen den Inseln und Dänemark hat er zeitlebens gelitten. Seine Erzählungen zeigen einen großen thematischen Reichtum und eine stilistische Breite. Das Buch beginnt mit zwei autobiografischen, humorvollen Geschichten über die fantasievolle, aber wirklichkeitsfremde Großmutter und den großzügigen Urgroßvater, der als Bäcker nach Tórshavn kam. Ganz anders erlebt der Leser die düstere Legende vom fremden Malteser, dem „Don Juan vom Tranhaus“. Sein Leben und Sterben wird raffiniert aus drei historischen Quellen zusammengesetzt. Ein literarisches Kleinod ist die Titelgeschichte „Hier wird getanzt“. Der Autor erzählt, wie er als Jugendlicher ein großes Hochzeitsfest auf einer abgelegenen Insel erlebt hat. Dieser Bericht spiegelt symbolisch die Höhen und Tiefen des Lebens, er handelt von Liebe und Eifersucht, Schiffbruch und Gefahr, Gewalt und Tod und vom atemlosen Tanzen und Singen. Erzählt wird in einem kühlen, manchmal ironischen Ton voller Spannung – und die Weite des Himmels und der See bilden den überaus lebendigen Hintergrund.

 

 

Ryan Gattis: Safe. Deutsch von Ingo Herzke und Michael Kellner. Rowohlt, 20,00 €

Ricky Mendoza, genannt Ghost, ist Ex-Junkie, ehemaliger Gangster und knackt mittlerweile Tresore für die DEA-Police in Los Angeles. Doch nun will Ghost Geld abzweigen, um sich angemessen zu verabschieden. Denn Ricky ist todkrank, wie es auch das Mädchen Rose war, in das er sich verliebt hatte und die bereits seit zehn Jahren tot ist. Das Punk-Mixtape von Rose ist noch da, genau wie die Sehnsucht nach ihr. Als Rudy Reyes, genannt Glasses und rechte Hand des Drogenkönigs von L.A., erfährt, dass einer ihrer Safes hochgenommen, eine Menge Geld jedoch nicht bei der DEA angekommen, sondern verschwunden ist, dauert es nicht lange, bis Ghost auf seinem Radar auftaucht. Es wurden jedoch zu viele Spuren hinterlassen für einen Profi und das macht Glasses misstrauisch. Eigentlich hat er genug vom Töten, doch in diesem Fall steht für ihn eine ganze Menge auf dem Spiel und er wird eine Ausnahme machen müssen...

Ryan Gattis spielt in dieser klassisch wirkenden Noir-Krimihandlung vor allem mit den Diskrepanzen der Moral. Beide Protagonisten bleiben äußerst ambivalent, wirken unberechenbar, jedoch nie überzogen. 
Das Spannungsfeld von Liebe, Sucht und Loyalität, in dem sie sich bewegen, zudem großartig dargestellt im Milieu, macht diesen Roman mehr als nur empfehlenswert.

 

 

Irene Moessinger: Berlin liegt am Meer. Galiani, 26,00 €

„Die besten Geschichten schreibt das 
Leben“ heißt es und dies hätte der
 Titel des autobiografischen Buches
 von Irene Moessinger sein können.
 Die Tempodrom-Gründerin, die 1980 
mit einer millionenschweren Erbschaft
 ein Zirkuszelt kauft und es direkt an 
die Berliner Mauer und mitten auf den 
Potsdamer Platz setzt, hat tatsächlich Geschichte geschrieben - und Wim Wenders hätte keinen besseren Ort für seinen Engel finden können.

Abenteurerin, Hausbesetzerin, Krankenschwester, Zirkusclown, Unternehmerin, Therapeutin und jetzt Schriftstellerin, erzählt
 Irene Moessinger vom Wagnis Leben, erzählt von der Suche nach Zugehörigkeit, erzählt glasklar und dennoch poetisch. Man liest wie 
im Rausch, ist begeistert, auch ob ihrer Ehrlichkeit und ihrer Kraft, zu vergeben und neu zu beginnen. Das Meer war und ist ihr immer Quelle der Inspiration und Heimat, die ständige Bewegung des Wassers ein Sinnbild für Fortdauer und Unendlichkeit. Auch über Berlin kreisen die Möwen und ein Zirkuszelt kann für einen langen Moment ein Zuhause sein. So lag der Titel des Buches nahe: Berlin liegt am Meer!

 

 

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Galiani, 25,00 €

Karen Duves neuer Roman führt uns in die Zeit des Biedermeier und des Vormärz. Im Mittelpunkt steht die junge Annette von Droste-Hülshoff, früher von ihren Verwandten zum Dichten ermutigt, nun, mit 23 Jahren, zu vorlaut, zu störrisch, zu unangepasst im frauenfeindlichen Biedermeier – kurz: Annette ist eine Nervensäge. Zarte Bande knüpfen sich zwischen ihr und dem mittellosen, bürgerlichen Studenten Heinrich Straube, einem Protegé ihres Onkels August von Haxthausen: Das will verhindert werden, die Familie spinnt eine Intrige und so nimmt die Katastrophe für Fräulein Nette ihren Lauf.

Detailfreudig und herrlich spitzzüngig zeichnet Karen Duve ein Gesellschaftsporträt des beginnenden 19. Jahrhunderts: Wir wohnen Trinkgelagen und Poetiktreffen von Göttinger Studenten bei, werden auf Kutschfahrten zur Verwandtschaft nach Schloss Bökendorf durch- geschüttelt, übernachten in zugigen Schlössern, besichtigen mit den Brüdern Grimm die Wilhelmshöhe und fahren mit Annette zur Kur nach Bad Driburg. Und so ganz nebenbei hält die Autorin mit ihrem Sittengemälde unserer Zeit den Spiegel vor. Ein amüsanter und hervorragend recherchierter historischer Roman.

 

 

Franziska Hauser: Die Gewitterschwimmerin. Eichborn, 22,00 €

Eine herausragende, autobiografische Familiengeschichte, die sich über 
vier Generationen erstreckt. Auf zwei
 wechselnden und sich aufeinander
 zu bewegenden Zeitebenen entfaltet
 sich das Portrait der Familie Franziska
 Hausers. Der Handlungsbogen ist weit
 gespannt – vom Dritten Reich über die
 Zeit der DDR bis hin in die Gegenwart. Somit ist der Roman auch ein Stück Zeitgeschichte. Er beginnt im Jahr 2011 und bewegt sich von dort aus in die Vergangenheit. Der zweite Handlungsstrang setzt im Jahr 1889 ein und verläuft chronologisch in Richtung Gegenwart. Auf diese Weise nähert sich die Geschichte immer mehr den Grausamkeiten, die in dieser Familie stattgefunden haben, Ebene für Ebene werden erschreckende Geheimnisse und Verletzungen freigelegt. Die Psyche der seelisch Verwundeten wird von der Autorin präzise empfunden und in wenigen, treffenden Worten beschrieben, so dass die inneren Welten der Akteure für den Leser klar zu erkennen sind. Sie verzichtet dabei auf jede direkte Interpretation und Wertung, das gibt dem Beschriebenen eine ganz besondere Wucht.

Franziska Hausers Gewitterschwimmerin war für den Deutschen Buchpreis 2018 nominiert. Für uns ein absolutes Highlight dieses Jahres.

 

 

James Baldwin: Beale Street Blues. Deutsch von Miriam Mandelkow. dtv, 20,00 €

James Baldwins Beale Street Blues beginnt mit einer Szene im Gefängnis.
 Tish, ein 19-jähriges Mädchen, besucht
 ihren Liebsten, Fonny, der zu Unrecht dort
 einsitzt. Sie erzählt ihm, dass sie ein Kind 
bekommen werden. Sie sieht ihm in die Augen und lächelt, während der Telefonhörer in ihrer Hand ganz feucht wird. Fonny ist für einen Moment ganz weit weg, ganz für sich. Und Tish beobachtet, wie er begreift, dass er Vater werden wird. Dann wirft er den Kopf zurück und lacht – lacht, bis ihm die Tränen übers Gesicht laufen.

Fonny und Tish sind seit ihrer Kindheit unzertrennlich. Als Fonny ein paar Wochen vor seiner Haft um Tishs Hand angehalten hat, gehörte 
er längst zur Familie. Die beiden waren auf der Suche nach einer gemeinsamen Wohnung, ihr Leben sollte gerade erst beginnen. Dann passiert das Schlimmste, was einem jungen Schwarzen in Amerika passieren kann: Fonny zieht die Wut eines weißen Polizisten auf sich. „Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in der Beale Street geboren“, schreibt James Baldwin 1974 im Vorwort zu seinem Roman, der hier 
in neuer Übersetzung vorliegt. Bis heute hat sich daran kaum etwas geändert. Wenn man Beale Street Blues liest, wird man von einer heftigen Wut auf die Ungerechtigkeit der „weißen“ Justiz ergriffen. Gleichzeitig schreibt Baldwin so einfühlsam über die Liebe, dass einen immer wieder pure Glücksgefühle überkommen. Tish ist nicht allein. Ihre Familie und Fonnys Vater kämpfen unermüdlich, um Fonny aus dem Gefängnis zu befreien. Und jetzt ist ein Kind auf dem Weg und gibt ihnen neue Hoffnung...

 

 

Michael Ondaatje: Kriegslicht. Deutsch von Anna Leube. Hanser, 24.00 €

„Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort
 und ließen uns in der Obhut zweier Männer
 zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.“ So lautet der erste Satz des Romans. Es sind der 14-jährige Nathaniel und seine 16-jährige Schwester Rachel, die im London der Nachkriegszeit allein gelassen werden und deren Betreuer nun mit ihnen in der Wohnung leben. Der Ich-Erzähler, der mittlerweile erwachsene Nathaniel, erinnert sich. Es ist für ihn eine Zeit der außergewöhnlichsten Abenteuer. Er wird zu illegalen Hunderennen mitgenommen, zu nächtlichen Fahrten auf der Themse mit geheimnisvoller Ladung, er erlebt seine erste Liebe zu Agnes. Bedrohliche Zwischenfälle erreichen die Kinder, plötzlich ist die Mutter wieder da, die Betreuer sind verschwunden. Rachel wendet sich von der Mutter ab, Nathaniel versucht sie zu verstehen – dann kommt es zum gewaltsamen Tod der Mutter. Nathaniel fügt Beobachtungen und Ereignisse zusammen, recherchiert Fakten und Fragmente über ihre Tätigkeit als Spionin während und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ondaatje ist ein Meister der Konstruktion, Verborgenes wird plötzlich hinter Sichtbarem deutlich, Erfundenes bleibt im Dämmerlicht, Details ergänzen sich langsam zu einem dichten Ganzen. Der genial komponierte Roman ist alles zugleich: Spionagethriller, traumatische Coming of Age-Geschichte und psychologisches Portrait einer nach Unabhängigkeit strebenden Frau – geschrieben in einer sehr poetischen, lebendigen Sprache.

 

 

Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe. Deutsch von Elina Kritzokat. Hanser, 21,00 €

Aus drei Erzählperspektiven setzt sich dieser wunderschöne und ergreifende Debütroman der finnischen Autorin Minna Rytisalo um die junge Kaufmannstochter Lempi zusammen: Der junge Bauer Viljami kehrt während des Zweiten Weltkriegs von der Front in sein zerstörtes Heimatdorf zurück, traut sich jedoch nicht, seinen Hof zu betreten; er weiß, dass seine geliebte Frau Lempi verschwunden, vielleicht sogar tot ist. So verharrt er in der Wildnis und erinnert sich an den einen gemeinsamen, glücklichen Sommer. Auf dem Hof wartet die Magd Elli, die zu Lempis Unterstützung geholt wurde. Heimlich in Viljami verliebt und dessen junge Ehefrau verachtend, kümmert sich Elli aufopfernd um den Sohn des Paares. Und zuletzt Lempis Zwillingsschwester Sisko, die stets im Schatten der Schwester steht, sich mit einem deutschen Soldaten einlässt und der Heimat den Rücken kehrt. Aus diesen drei Schilderungen, die von Verklärung bis Verteufelung reichen, ergibt sich allmählich ein Bild von Lempi, deren Name gleichzeitig das altfinnische Wort für Liebe ist – und so ist der Roman dann auch ein Buch über die Liebe, über das Suchen nach ihr und das Finden, die Hoffnung auf sie, aber auch über ihre Abgründe...

 

 

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Unsere Empfehlungen Sommer 2018

 

Richard Fariña: Been down so long it looks like up to me. Deutsch von Dirk van Gunsteren. Steidl, 28,00

Ein Klassiker der Beat Generation, von Bob Dylan geschätzt, Lieblingsbuch Jim Morrisons – und nach mehr als 50 Jahren endlich in deutscher Sprache: Been down so long it looks like up to me ist eine großartige Entdeckung! Gründlich verpeilt und hoffnungslos überdreht treibt der sympathische Student Gnossos Pappadopuolis – Held des Buches und Alter Ego seines Autors – durch das Amerika der Sechzigerjahre. Jede Menge Campuspartys säumen seinen Weg, allerlei Drogen, gute Musik und so manche Eroberung, die sich im Nachhinein als Desaster entpuppt. Dennoch findet Gnossos immer seinen Weg, der ihn unter anderem ins Zentrum der kubanischen Revolution führt...

1966 erschien das Buch im Original, noch im selben Jahr kam sein Autor ums Leben – Richard Fariña starb nach einem Motorradunfall. Sein Freund und Mitstudent Thomas Pynchon schrieb ein erhellendes Vorwort zu Fariñas beat-poetischem Roadtrip, das uns den Autor sehr nahe bringt. Und die fabelhafte Übersetzung Dirk van Gunsterens tut ihr Übriges: Das Buch sprüht nur so vor Sprachwitz und zieht uns förmlich hinein in Amerikas frühe Hippie-Ära – und irgendwie möchten wir sie gar nicht wieder verlassen.

 

 

George Saunders: Lincoln im Bardo. Deutsch von Frank Heibert. Luchterhand, 25,00 €

Was bleibt von uns, wenn wir sterben? Gibt es ein Leben nach dem Tod und wenn ja, was ist das für ein Leben? Sind wir dort allein? Als 1862 in den USA der Sezessionskrieg tobt, stirbt Abraham Lincolns Sohn Willie mit elf Jahren an Typhus. Der tieftraurige Präsident kann seinen geliebten Sohn nicht gehen lassen, zu groß ist sein Schmerz, allumfassend seine Trauer über den Verlust.

Während er den Jungen des Nachts auf dem Friedhof aus dem Sarg hebt um ihn noch einmal im Arm zu halten, hat Willies Geist bereits Bekanntschaft gemacht mit drei Herren. Diese befinden sich ebenfalls, teilweise schon Jahrzehnte tot, im Zwischenreich, im „Bardo“ (aus dem tibetischen Buddhismus, bezeichnet die Phase zwischen einem Leben und dem nächsten, zwischen Tod und Wiedergeburt).

Sie sehen den trauernden Vater und wollen sich Willies Seele annehmen, allerdings sind in dieser Nacht noch so viele andere Tote auf dem Friedhof, längst nicht alle so liebenswert wie die drei Herren, und alle haben etwas zu sagen... "Lincoln im Bardo" ist ein Roman über Liebe und Verlust. George Saunders mischt historische Tatsachen mit (sehr) fiktiven Elementen. Es entfaltet sich eine so kraftvolle Sogwirkung, dass man nach anfänglicher Verwirrung ob der vielen verschiedenen Stimmen, die zu Wort kommen, die Seelen der Personen atemlos auf ihrem Weg an den endgültigen Ort begleitet. Schwebend.

 

 

R. G. Grant: Wächter der See. Die Geschichte der Leuchttürme. Deutsch von Heinrich Degen. Dumont, 28,00

Ein wunderschöner Bildband voller spannender Geschichten und maritimer Anekdoten, voller historischer Baupläne, detailreicher Zeichnungen und Fotografien.

Schon seit mehr als zwei Jahrtausenden beschützen die Leuchttürme – als „Wächter der See“ – die Seeleute bei der mitunter hoch gefährlichen Ausübung ihrer Tätigkeit. Und ebenso lang üben sie durch ihre mächtige architektonische Präsenz und ihre mitunter außergewöhnlichen Leuchttechniken eine ungebrochene Faszination auf die Menschen aus. Der britische Historiker R. G. Grant nimmt uns mit auf eine faszinierende Zeitreise: Vom „Pharos von Alexandria“, der um 280 v. Chr. errichtet wurde – stolze 140 Meter hoch und eines der Sieben Weltwunder – über die Atlantik-Leuchtfeuer des 17. Und 18. Jahrhunderts bis hin zum vom Karl Friedrich Schinkel entworfenen Leuchtturm am Kap Arkona. Dabei spricht der Respekt vor der gewaltigen Kraft der Elemente aus jeder Zeile. Denn, so Grant, „Leuchttürme sind weniger Ausdruck menschlicher Dominanz über die Natur als vielmehr ein Hinweis auf menschliche Zerbrechlichkeit und Einsamkeit angesichts elementarer Naturgewalten“ – auch in diesem Sinne: Ein „gewaltiges“ Buch, ein Buch zum Darinversinken!

 

 

Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn. Deutsch von Brigitte Jakobeit. Piper, 20,00 €

Gigi, Angela, Sylvia und August streifen durch das Brooklyn der Siebzigerjahre – vorbei an maroden Häuserblocks, Junkies, wummernden Bässen und Männern an dunklen Straßenecken. Jahre später kehrt August zur Beerdigung ihres Vaters nach Brooklyn zurück. Sie erinnert sich an ihre Jugend – die Zeit, in der ihre Mutter und ihre Freundinnen noch am Leben und das Zentrum ihres Universums waren, und sie die Straßen gemeinsam durchwanderten. August erzählt die Realität eines kleinen Mädchens, das zwischen den Lehren der Nation of Islam und den Erinnerungen an eine kleine Farm in Tennessee aufwächst. Ihre Geschichte spielt auf den asphaltierten Straßen des Viertels, die für so viele den Tod bedeuten sollten.

Mit "Ein anderes Brooklyn" schreibt Jacqueline Woodson ihren ersten Erwachsenenroman seit 20 Jahren. Sprachlich ist ihr damit ein kleines Meisterwerk gelungen – der Text liest sich wie eine Melodie. Dieses Jahr erhielt die afroamerikanische Schriftstellerin den Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis – die renommierteste Auszeichnung für Kinder-und Jugendbuch AutorInnen.

 

 

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz. FVA, 24,00 €

Mareike Fallwickls literarisches Debüt zieht den Leser von Anfang an in seinen Bann, schüttelt ihn durch und lässt ihn an einer vielschichtigen Freundschaft/Dreiecksbeziehung teilhaben.

Alles beginnt in einem einsamen Bergdorf in Österreich, wo der selbstbewusste Raffael dem zugezogenen und empfindsamen Moritz begegnet. Die beiden Kinder sind von Anfang an unzertrennlich, aber schnell wird das Zerstörerische hinter Raffaels strahlendem Auftreten deutlich. Als im jugendlichen Alter Johanna dazu kommt, entwickelt sich eine weitere, keinen unberührt lassende Dynamik. 16 Jahre später begegnen sich die drei wieder, und mit einer unbeschreiblichen Wucht entlädt sich, was so lange ungesagt blieb.

Sprachgewaltig und emotional packend schreibt Mareike Fallwickl über Freundschaft, Liebe, Zerstörung und Zusammenhalt – über Situationen, die jeder Mensch kennt. Genau das war das Ziel der Autorin: einen Roman zu schaffen, der unterhält und in dem sich jeder in irgendeiner Weise wiedererkennt. Das ist ihr großartig gelungen.

 

 

Nadja Spiegelman: Was nie geschehen ist. Deutsch von Sabine Kray. Aufbau, 22,00 €

Eine Familie – drei Frauen – drei eng miteinander verwobene Lebensnarrative. Wortgewand erzählt Nadja Spiegelman die Geschichte ihrer französischen Großmutter, die Geschichte ihrer Mutter und die ihrer eigenen Kindheit und Jugend in New York.

Ihre Reise in die Vergangenheit führt sie nach Paris, wo sie längere Zeit lebt, um ihrer Großmutter näherzukommen. Durch Gespräche mit ihr und ihrer Mutter versucht sie, die Lücken in ihrer eigenen Erinnerung zu schließen. Die tragischen familiären Verstrickungen, die Konflikte und das Schweigen, das den Wirren des 20. Jahrhunderts geschuldet ist, stehen der großen Liebe, dem Miteinander und der Stärke der drei Frauen gegenüber. Nadja Spiegelman erzählt die Geschichte ihrer Familie – ein ergreifendes, wunderschönes Buch.

 

 

Laurie Lee: Cider mit Rosie. Deutsch von Pociao und Walter Hartmann. Mit dreizehn Aquarellen von Laura Stoddart. Unionsverlag, 19,00 €

"Cider mit Rosie" ist ein Buch voller Zärtlichkeit und Lebendigkeit. Es handelt von der Kindheit des englischen Autors Laurie Lee, der gegen Ende des ersten Weltkrieges in einem abgeschiedenen Dorf auf dem Land aufwuchs.

In dem idyllischen Slad ist das Leben zugleich märchenhaft und von der ehrlichen Wirklichkeit geprägt. Lauries Mutter und seine drei älteren Schwestern erfüllen das romantisch baufällige Haus, in dem die Familie ohne Vater lebt, mit Geborgenheit und Chaos. Behütet, umsorgt und frei wachsen Laurie und seine Brüder auf. Sie streunen im Wald herum, spielen den Nachbarn Streiche, und saugen den sommerlichen Duft verwilderter Gärten, mit rankenden Rosen und reifen Johannisbeeren in sich auf. Aus der Perspektive eines Kindes gehören selbst Armut und Tod zum Leben dazu und werden von Laurie mit einer befreienden Natürlichkeit beschrieben.

Durch seine poetische und zugleich realistische Sprache weckt der Roman Erinnerungen an die eigene Kindheit. Unschuldige Sorgen, Ängste und Hoffnungen sind einem plötzlich wieder vertraut. In den fein beobachteten Figuren erkennt man geliebte Menschen wieder, an die man lange nicht gedacht hat. 1959 machte das Buch Laurie Lee zu einem renommierten Romancier. Nun ist es in neuer Übersetzung und mit zarten Aquarellen von Laura Stoddart im Unionsverlag erschienen und verzaubert uns aufs Neue.

 

 

James Baldwin: Von dieser Welt. Deutsch von Miriam Mandelkow. dtv, 22,00 €

James Baldwins Debütroman „Go Tell It on the Mountain“, 1953 veröffentlicht, können wir nun in hervorragender neuer Übersetzung erleben. Der Roman ist heute so aktuell wie in den 50er und 60er Jahren, als Baldwin neben Martin Luther King und Malcom X zu den Vertretern der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gehörte.

Der z.T. autobiographische Roman spielt an einem einzigen Tag (1935) im New Yorker Stadtteil Harlem. Im dramatischen ersten Kapitel beschreibt der 14jährige John die Mitglieder seiner aus dem Süden der USA stammenden Familie: seinen Stiefvater Gabriel, ein heuchlerischer, brutaler Laienprediger in einer baptistischen Gemeinde, seine Mutter Elisabeth, die still duldende Ehefrau, seinen draufgängerischen Halbbruder Roy, und Florence, die Schwester Gabriels, die ihm kämpferisch entgegentritt. Es ist Sonntag und die Familie besucht einen Erweckungsgottesdienst mit salbungsvoller Predigt und ekstatischen Gesängen. Während des Gottesdienstes werden in Erinnerungsbildern ihre angstvollen Lebensgeschichten ausgebreitet. John selbst durchlebt Verzweiflung und Erlösung.

James Baldwin ging 1948 ins Exil und fand erst hier die Kraft, seinen ersten Roman zu schreiben. In dem Schweizer Dorf befreite er sich von der Last seiner Herkunft und der afroamerikanischen Religiosität. Hier fand er seine Identität als Schwarzer, Homosexueller und Schriftsteller.

 

 

Elizabeth H. Winthrop: Mercy Seat. Deutsch von Hansjörg Schertenleib. C.H.Beck, 22,00 €

In der Kleinstadt St. Martinville in Louisiana im Jahr 1943 dreht sich alles um die in wenigen Stunden bevorstehende Hinrichtung des 17jährigen Schwarzen, Will, der ein weißes Mädchen vergewaltigt und umgebracht haben soll. Will hat das Mädchen nicht umgebracht. Als das Liebespaar entdeckt wurde, hat sich seine Geliebte aus Verzweiflung selbst das Leben genommen.

Lane ist Freigänger und mit Captain Seward im alten Truck unterwegs. Auf der staubigen Ladefläche ist der elektrische Stuhl festgeschnallt. Die beiden wären die perfekten Protagonisten eines Krimi noir, doch ihr erster Stopp führt uns direkt zum Tankstellenpärchen Ora und Dale und deren völlig unterschiedlichem Erzählton. So geht es weiter. Neue Personen tauchen auf, die Perspektiven wechseln alle paar Seiten, doch eines bleibt. Als Leser kann man nicht mehr aufhören, man wird hineingesogen in diese wahre Geschichte, die so hart klingt und doch so emotional aufgeladen ist, dass man das Hin- und Herspringen zwischen den Perspektiven liebt und nach dem stillen Helden sucht.

Der jungen Elizabeth H. Winthrop gelingt es mithilfe ihrer meisterhaften Sprache, verschiedene Genres miteinander zu verschmelzen und eine Atmosphäre zu schaffen, die einen noch tagelang beschäftigt.

 

 

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